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Jürgens, Peer: Antisemitismus: Sozialismus des dummen Kerls

Artikelnummer: 978-3-8428-6895-3

Sozialdemokratie und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich

Rezension

Peer Jürgens hat in einer kompakten Studie untersucht, wie sich die SPD zur Zeit des Kaiserreichs gegenüber dem Antisemitismus positionierte. Er bezieht dabei sowohl die theoretische und programmatische Auseinandersetzung der Parteiführung mit diesem Phänomen, als auch die praktische Konfrontation mit dem Antisemitismus in der politischen Alltagsarbeit ein. Zutreffend erkennt Jürgens, dass die Haltung der SPD zum Antisemitismus in der historischen Forschung sehr unterschiedlich bewertet wurde. Während Edmund Silberner in der Arbeiterbewegung selbst judenfeindliche Tendenzen erkannte, attestierte Paul Massing der SPD eine Immunität gegenüber antisemitischem Gedankengut. Jürgens schließt sich eher den ambivalenten Positionen von Peter Pulzer, Rosemarie Leuschen-Seppel und Robert Wistrich an, denen zufolge die SPD den Antisemitismus zwar nach Kräften bekämpfte, allerdings ohne selbst vorurteilsfrei zu sein. Leider ist Jürgens entgangen, dass in der jüngsten Debatte die Extrempositionen von Silberner und Massing von Lars Fischer und Andrew Bonnell wiederbelebt worden sind.

Während die bürgerlichen Parteien, sofern sie nicht selbst antisemitisch waren, im Antisemitismus ein atavistisches Fortleben mittelalterlicher Unduldsamkeit erkannten, unternahm die SPD auf der Basis des Marxismus den Versuch einer theoriegeleiteten Analyse des Antisemitismus. Demzufolge ergebe sich die Judenfeindlichkeit aus den wirtschaftlichen Nöten der Mittelschicht, die gerade zwischen Bourgeoisie und Proletariat zerrieben werde. Die Mittelschicht würde einem fehlgeleiteten Sozialprotest folgen, indem sie ausschließlich jüdische Kapitalisten, statt den Kapitalismus insgesamt für ihre Lage verantwortlich mache. Insofern würden die Antisemiten paradoxerweise der SPD in die Hände arbeiten, indem sie bislang unzugängliche soziale Schichten für sozialistisches Gedankengut vorbereiteten.

Diese Interpretation wurde 1892 von August Bebel zur Parteidoktrin erhoben. Neben Bebel hätte Jürgens aber auch Franz Mehring berücksichtigen müssen, der sich zum „Parteiexperten“ in der „Judenfrage“ aufschwang und glaubte, Antisemitismus und Philosemitismus gleichermaßen bekämpfen zu müssen. Die Antisemitismustheorie der SPD war insofern fortschrittlich, als sie Judenfeindlichkeit zum ersten Mal aus den Strukturen der modernen kapitalistischen Industriegesellschaft zu erklären versuchte. Aus heutiger Sicht weist sie allerdings auch zahlreiche Schwächen auf: Sie nahm die antisemitischen Unterstellungen vom „jüdischen Wucher“ beim Wort, missachtete die nationalistischen und rassistischen Motive im modernen Antisemitismus und verleitete zur Passivität, da der Antisemitismus der Partei angeblich ohnehin in die Hände arbeiten würde.

Jürgens wirft aber auch einen Blick auf die praktische Parteiarbeit und weist nach, dass hier von Passivität nicht die Rede sein kann. In Publikationen, Versammlungen, in der Bildungsarbeit und in Parlamentsdebatten bezogen die Sozialdemokraten sehr eindeutig gegen den Antisemitismus Stellung. Diesen Anti-Antisemitismus sollte man aber nicht mit einer Parteinahme für die Juden verwechseln, denn vereinzelte judenfeindliche Vorurteile gab es auch in der SPD, so vor allem in der Unterhaltungspresse der Partei.

nsgesamt bietet Jürgens einen kompakten und zugleich umfassenden Überblick über die Haltung der SPD gegenüber dem Antisemitismus zur Zeit des Kaiserreichs. Der Autor argumentiert differenziert und bietet auf der Basis einer gut ausgewählten aber vielleicht etwas schmalen Quellenbasis einen erfreulichen Kontrast zu den Extrempositionen in der älteren wie jüngeren Forschung. Bedauerlicherweise ist der Preis für dieses schmale Bändchen viel zu hoch angesetzt worden.

Thomas Gräfe

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Format
Paperback
Seiten
80
Jahr
2013
Verlag
Diplomica Verlag
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