0 0
Dieser Online-Shop verwendet Cookies für ein optimales Einkaufserlebnis. Dabei werden beispielsweise die Session-Informationen oder die Spracheinstellung auf Ihrem Rechner gespeichert. Ohne Cookies ist der Funktionsumfang des Online-Shops eingeschränkt. Sind Sie damit nicht einverstanden, klicken Sie bitte hier.

Nordsieck, Viola: Formen der Wirklichkeit und der Erfahrung

Artikelnummer: 978-3-495-48735-8

Henri Bergson, Ernst Cassirer und Alfred North Whitehead

Gewicht: 0.322 kg

Rezension:

Für Vitorio Hösle in seiner (sonst lesenswerten) „Kurzen Geschichte der deutschen Philosophie“ wie für viele andere Philosophiehistoriker sonst ist Ernst Cassirer wenig mehr als ein Autor, der dank einer buchstäblich umfassenden Bildung imstande war, „eine integrative Philosophie von Sprache, Mythos und Erkenntnis“ (234) vorzulegen. In dieser Sicht scheint es, als sei er nichts anderes gewesen als jemand, der sehr viele Bücher gelesen, ein erstaunliches Wissen aufgehäuft und in dicken Büchern zusammengefasst hat, ohne einen eigenen Gedanken von Gewicht hinzuzufügen. Aber das stimmt natürlich nicht, sondern Cassirer legte eine allein ihm zugehörige Philosophie des Menschen und der Erkenntnis vor, in deren Zentrum eine weit ausholende Theorie des Symbols steht. Viola Nordsieck hat in ihrer lesenswerten Dissertation diese Philosophie in ihren verschiedenen Aspekten dargestellt und mit den ähnlich ausgreifenden Konzepten von Henri Bergson und Alfred North Whitehead ins Gespräch gebracht: Ein höchst anspruchsvolles Vorhaben, dem sich die Autorin dank ihrer großen Belesenheit durchaus gewachsen zeigt.

Es ist schon eine Überraschung, Cassirer in einem Zusammenhang mit Bergson und Whitehead zu sehen. Cassirer stand Henri Bergson durchaus kritisch gegenüber und mit dem britischen Philosophen und Mathematiker Alfred North Whitehead hat er sich nicht ausdrücklich auseinandergesetzt. Während Cassirer eine Reihe von philosophiegeschichtlichen Werken vorlegte und ein ausgezeichneter Kenner besonders der Philosophie der Neuzeit von der Renaissance über Leibniz und die Aufklärung bis hin zur Erkenntnistheorie anfangs des 20. Jahrhunderts war, gilt Whitehead als einer, der verhältnismäßig wenig gelesen hatte, sondern radikal neu ansetzte und mit zahlreichen Werken nicht weniger versuchte, als die Metaphysik neu zu begründen. Selbstverständlich beziehen sich seine Werke auch auf die europäische Philosophiegeschichte, aber er hat wenig zitiert, und mit seiner eigenwilligen Terminologie sowie der an der Mathematik geschulten Unbedingtheit und Strenge seines Denkens scheint Whitehead erst einmal ziemlich einsam dazustehen. Man fühlt sich bei der Lektüre immer wieder an Leibniz erinnert, aber kaum an andere Denker des 20. Jahrhunderts.

In jüngster Zeit hat Dennis Sölch in seinem ebenfalls im Alber-Verlag erschienenen Buch über „Prozessphilosophien“ die Beziehungen aufgedeckt, die zwischen Whiteheads Werk und dem von Henri Bergson und William James bestehen. Whitehead und Bergson schätzten einander sehr, und es sind wesentliche Motive, die beide Philosophen verbinden. Über allem steht der Gedanke, dass es darum gehen muss, die statische Ontologie zu dynamisieren. Aber Cassirer? Er war kein Lebensphilosoph wie Bergson und erst recht kein Prozessphilosoph wie Whitehead, der die aristotelische Substanzmetaphysik durch eine Philosophie ersetzte, in der das dynamische Geschehen so betrachtet wird, dass gleichzeitig das Subjekt als auch seine Welt in den Blickpunkt geraten, so dass der starre Gegensatz von Empirismus und Rationalismus aufgehoben wird. Sein Vorhaben fasst Nordsieck in dem Satz zusammen: „Der Prozeß ist nichts anderes als das erfahrende Subjekt selbst“ (54).
Die Autorin richtet also ihr Interesse auf die Um- und Anverwandlung der Welt in unserem Bewusstsein, so dass in ihrer Darstellung Ontologie und Erkenntnistheorie ineinander übergehen. „Die Medialität der symbolischen Formen“, die Cassirer in seiner dreibändigen „Philosophie der symbolischen Formen“, aber auch in seinen kleineren kulturphilosophischen Studien beschrieben hat, führt durch die unüberblickbare Vielfalt ihrer Formen und Ebenen zu einer eigenen, perspektivenreichen und vielschichtigen Welt. Dadurch, dass unser Bild der Welt aus vielen Quellen gespeist wird, nicht etwa aus einer einzigen, also dank der Vielzahl der unterschiedlichsten ineinander fließenden, einander widersprechenden, korrigierenden und abwandelnden Sinneseindrücke und Erkenntnisse erhält „das Formprinzip Konsistenz, ohne statisch zu bleiben. So entsteht die symbolische Form als sich selbst organisierender Prozess.“ (241) Und damit wäre dann auch eine Brücke geschlagen zwischen dem Prozessphilosophen Whitehead und Ernst Cassirer. Ähnliches behauptet Nordsieck auch für das Verhältnis zwischen Bergson und Cassirer, die sich in ihrer Sicht von „unterschiedlichen Seiten her […] beide demselben Ziel [nähern], nämlich einer Reflexion auf die Entstehung von Formen für die Erfahrung durch die Erfahrung, ohne dabei auf einen transzendentalen Schematismus zurückgreifen zu müssen. Dazu müssen sie jeweils ein dynamisches Schema der Erfahrung entwickeln, das als ästhetische Medialität dienen kann.“ (125)

Nordsieck verfügt über eine erstaunliche Belesenheit, die weit mehr umfasst als nur die von ihr im Titel ihrer Arbeit angesprochenen Philosophen; immer wieder (und manchmal vielleicht etwas zu kühn) schlägt sie den Bogen zur Philosophiegeschichte von deren Anfängen bis in unsere Zeit. So ist das Buch äußerst anregend, und man gewinnt eine ganz neue Sicht, vor allem auf die Philosophie Ernst Cassirers. Eine andere Frage ist es, ob es den drei Großen selbst tatsächlich gelungen ist, ihr Vorhaben einer Prozessphilosophie überzeugend umzusetzen. Auf dem Gebiet der Kulturphilosophie sind die Ergebnisse Ernst Cassirers absolut überzeugend, aber es scheint nicht ganz sicher, dass das auch für die Naturphilosophie behauptet werden kann. Auf dieses Manko geht Nordsieck praktisch gar nicht ein.
Wenn man auf konkurrierende Konzepte blickt, etwa auf Nicolai Hartmann oder Helmut Pleßner, so überwiegt in deren Philosophien nicht allein das statische Moment, sondern tatsächlich besaßen sie gar keinen Blick für Prozesse aller Art. Aber zum Ausgleich konnten Hartmann und Pleßner die verschiedenen Formen des Lebens in einer höchst konkreten Weise zueinander in Beziehung setzen und eine Reihe von Wesensgesetzen formulieren. Und andererseits muss man sich fragen, ob es Whitehead oder Bergson tatsächlich gelungen ist, einzelne Probleme wie etwa die Entstehung des Lebens oder der Arten – und welcher Prozess könnte bedeutender sein? – gedanklich zu durchdringen.

Es ist also das Problem des Neuen (der Emergenz), das heute mehr denn je diskutiert wird, ohne dass irgendeine Lösung sichtbar wäre. Man kann das am Begriff der Kreativität sehen. „Unter Kreativität“, schreibt Nordsieck, versteht Whitehead „die Entstehung des Neuen durch intensive Relationalität, die der Basis in einem medialen Kontinuum bedarf und dieses mediale Kontinuum auf die vielfachen Perspektiven der Sinnzusammenhänge hin dynamisiert.“ (103) Aber was ist mit dieser Berufung auf die intensive Relationalität gewonnen? Hat man irgendetwas besser verstanden, wenn man weiß, dass alles miteinander in Beziehung steht? Im Bereich der Kultur kann man vielleicht wirklich vieles verstehen, da lassen sich verschiedene Aspekte auf oft überraschende Art miteinander verbinden, und schon hat sich etwas Neues gebildet. Aber in der Natur? Irgendwann einmal (und vielleicht sogar immer wieder) muss das geschehen sein, denn sonst gäbe es weder das Leben noch die unendliche Vielfalt seiner Gestalten. Wir können diese Vorgänge heute berufen oder sogar beschwören und gelegentlich auch beschreiben, aber von einem Verstehen sind wir unendlich weit entfernt.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Ernst Cassirer (1874-1945) gilt mit seiner Philosophie der symbolischen Formen als Begründer der Kulturphilosophie. Henri Bergson (1859-1941) war lange Zeit einer der berühmtesten französischen Denker und ist im Deutschen bekannt als »Lebensphilosoph«. Und Alfred North Whitehead (1861-1947) kennt man als Mathematiker und, mit Bertrand Russell, Herausgeber der Principia Mathematica, weniger als Philosophen. Doch dass sie alle drei in ähnlicher Weise eine Philosophie der Erfahrung als dynamisches System entworfen haben, das die philosophische Tradition revolutioniert und als Fundament für die heute interessantesten philosophischen Strömungen gelten kann, ist wenig bekannt. In diesem Buch wird die Originalität und Eigenständigkeit dieser drei großen Philosophen gezeigt, indem ihr gemeinsamer phänomenologischer Ansatz vorgeführt und ausgebaut wird: die Dynamisierung der Form und die Betonung der Kreativität, die es ermöglichen, Erfahrung als die Entstehung von etwas Neuem zu denken.

© Karl Alber

weitere Titel der Autorin

bestellen bei:

buecher.de   Buch24.de   Hugendubel   Booklooker   ebook.de   Thalia   Amazon

Format
kartoniert
Seiten
320
Jahr
2015
Verlag
Karl Alber
Es liegen keine Kommentare zu diesem Artikel vor.