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Langthaler, Rudolf: Warum Dawkins Unrecht hat

Artikelnummer: 978-3-495-48749-5

Eine Abrechnung mit dem Werk Dawkins

Gewicht: 0.84 kg

Rezension:

Polemiken sind ein fester Bestandteil der Literatur, aber es ist schon ungewöhnlich, dass ein dickes Buch von fast sechshundert Seiten sich einem einzigen Autor widmet. Was macht Richard Dawkins, den englischen Zoologen und Bestsellerautor („Das egoistische Gen“) so bedeutend, dass ihm ein renommierter Philosophieprofessor derart scharf entgegen tritt?

Dawkins ist nicht nur ein Autor, dessen Bücher rund um den Erdball gelesen, ja gelegentlich sogar verschlungen werden, und er war nicht allein Professor für die Popularisierung der Wissenschaft an der Universität Oxford, also an einer der renommiertesten Universitäten der Welt, sondern er ist zusätzlich auch der geistige Anführer einer Bewegung, die sich in stiller Bescheidenheit die „Hellen Köpfe“ („Brights“) nennt – sie versammelt Menschen, die sich einem aggressiven Atheismus verschrieben haben, und erinnert damit an die Monistenvereine Ernst Haeckels ausgangs des 19. Jahrhunderts. Was Dawkins vertritt, ist heute in Wissenschaft und Publizistik die Weltanschauung der überwiegenden Mehrheit – allerdings radikalisiert und in höchst aggressiver Form vorgetragen. Langthaler greift also nicht etwa eine einzelne Person, sondern eine ganze Bewegung an, zu der auch eine Reihe prominenter Wissenschaftler oder der englische Bestsellerautor Douglas Adams gehören.

Langthaler ist ein außerordentlich akkurat argumentierender Autor, der nicht allein jedes Zitat sauber belegt, sondern grundsätzlich alle möglichen Einwände und Differenzierungen selbst vorträgt. Das führt zu einer Fülle von Gedankenstrichen, welche die Flüssigkeit der Lektüre so ziemlich zum Erliegen bringt, denn immer wieder muss der Leser den Satzanfang suchen oder, wenn er endlich beim Verb angekommen ist, sich weiter vorne auf die Suche nach dem Subjekt machen. Dazu finden sich oft ellenlange, gelegentlich ganze Seiten füllende Fußnoten. Hätte Langthaler seinen Text anders organisiert, dann wäre er wegen der kleineren Schrift der Fußnoten noch einmal länger geworden. Auch angesichts häufiger Wiederholungen wäre eine Straffung des Textes angebracht gewesen.

Langthaler ist Professor für Philosophie an einer theologischen Fakultät, aber man braucht keineswegs Katholik zu sein, um seiner Argumentation beizupflichten. Denn er argumentiert an keiner Stelle religiös, wie es ihm die Anhänger von Dawkins oder überhaupt des Monismus unterstellen werden, sondern er hält das Recht und den Anspruch auf eine philosophisch differenzierte Argumentation fest. Deshalb ist er dazu gezwungen, sich gegen den Monismus zu wenden – gegen jeden Monismus, keinesfalls allein gegen den darwinistisch inspirierten –, weil der Monismus seine Versimpelung sämtlicher Fragen und Probleme ja schon im Titel trägt. Eine solche Theorie kann natürlich nicht differenziert sein.

Mit dem Materialismus als der Hauptrichtung des aktuellen Monismus rechnet Langthaler im ersten Teil seines Buches ab. Immer wieder zeigt er, dass die Argumentation des Materialismus kontraintuitiv ist, also unserer natürlichen Einstellung gegenüber der Welt widerspricht. So ist es merkwürdig, die Existenz eines Ich zu bestreiten, obwohl man doch gar nicht umhin kann, auch sich selbst nicht allein als ein Ich zu benennen, sondern auch als ein Ich zu fühlen und anzusehen. Jedes mal, wenn Dawkins „Ich“ sagt – und er tut das ziemlich oft – haut Langthaler in Klammern ein triumphierendes Ausrufezeichen dahinter. Genau umgekehrt verhält es sich mit der Evolution, die oft genug als ein Subjekt behandelt wird.

Aber anstößig ist nicht allein das Kontraintuitive, sondern mindestens ebenso die Vorstellung, man könne einfach mit dem Denken aufhören, wenn man irgendwo auf ein Problem stößt. Dagegen zeigt Langthaler im Rückgriff auf große Philosophen der Vergangenheit wie Aristoteles, Leibniz und Kant, wie man sich einer Problematik in all ihrer widersprüchlichen Verzwicktheit und oft prinzipiellen Unlösbarkeit stellt. Die Evolution des Lebens ist nur ein Beispiel dafür. Wie auch andere Philosophen vor ihm spricht er sich dafür aus, dass es zusätzlich zu den physikalischen und biologischen Gesetzen auch noch eine andere Perspektive geben könnte, aus der sich die Entwicklung des Lebens betrachten ließe. Diese Diskussion führt er im Rückgriff auf das zuletzt erschienene Buch von Thomas Nagel, mit dem er sich ausführlich auseinandersetzt.

Hier versteckt der Autor in einer langen Fußnote einen seiner Hinweise darauf, wie man sich eine differenzierte Argumentation vorzustellen hat. Wichtig ist ihm die Unterscheidung zwischen Ursprung und Anfang, und in einem ähnlichen Kontext erinnert er an Robert Spaemanns und Reinhard Löws Vorschlag, auf die aristotelische Unterscheidung von Kausal- und Finalnexus zurückzugreifen. Es ist leider nur eine Fußnote, aber solche Klärungen von Begriffen und Methoden, mit denen ein philosophischer Dilettant wie Dawkins überhaupt nicht umzugehen weiß, gehören ganz unbedingt zu den Stärken eines schulmäßig und sauber argumentierenden Philosophen, als der sich der Autor präsentiert. In diesem Fall zeigt er, dass Kausal- und Finalnexus zwei ganz verschiedene Aspekte des Geschehens betreffen, der Kausalnexus den materiellen oder physikalischen, der Finalnexus aber jenen, der auf die Beteiligung einer Intelligenz oder die Anwesenheit eines Sinns hindeutet. Muss man ausdrücklich erwähnen, dass das Ungenügen am Kausalnexus nicht automatisch bedeutet, dass man unverzüglich in das Lager des Intelligent Design überwechseln möchte?
Hier wie auch oft sonst sieht sich Dawkins von Langthaler abgekanzelt: „Dass ‚Religion’ auf keine ‚Theorie der Natur’ abzielt und deshalb auch keine Ersatz-Theorie zu den wissenschaftlichen Erklärungsansprüchen sein kann (bzw. sein will), ist offenbar noch nicht bis zu Dawkins vorgedrungen.

Auch die von Dawkins eigentlich nur angeregte und erst von Susan Blackmore durchgeführte Memtheorie wird in diesem ersten Teil zusammen mit dem von Wolf Singer und anderen vertretenen Hirnforschungs-Materialismus einer schneidenden Kritik unterzogen. Allerdings finde ich es verblüffend, dass das Buch von Blackmore nicht im Literaturverzeichnis erscheint und auch im Text an keiner Stelle erwähnt wird. Ebenso verwundert es, dass Langthaler nicht Daniel Dennett nennt und kritisiert. Das wäre schon deshalb angebracht, weil Dennett zwar dieselben Positionen wie Dawkins vertritt und die beiden gern als Duo auftreten, aber der Amerikaner doch wenigstens ein klein wenig differenzierter und sachkundiger argumentiert. Allerdings, auch Dennett schrieb ein oberflächliches Buch gegen Religionen („Den Bann brechen. Religion als natürliches Phänomen“), beide sind Materialisten und Monisten, und beide stellen sich zu gern als Genussmenschen dar – das ist ein Punkt, den Langthaler immer wieder aufs Korn nimmt, weil er zu Recht findet, dass dieses Denken doch etwas dünn ist, wenn man mit seiner Hilfe eine Ethik formulieren will.

Im zweiten Kapitel seines Buches – „Dawkins’ schonungslose Abrechnung mit Religion und Theologie“ – prüft Langthaler dessen antireligiöse Argumentation auf Herz und Nieren: Mit einem verheerendem Ergebnis, was sich besonders am Umgang mit der hier maßgeblichen Philosophie Kants zeigt, den Dawkins deshalb nicht lesen, zitieren und interpretieren will, weil er ihm mit Verweis auf irgendeinen Vortrag irgendeines Menschen intellektuelle Unredlichkeit unterstellt.
In diesen Passagen geht es eigentlich allein um die Religion, denn Dawkins versucht tatsächlich ausnahmslos jede Religion zu diskreditieren, denn er vermag an ihnen nichts, aber auch wirklich gar nichts Gutes zu entdecken. Dawkins Angriffe sind nicht allein undifferenziert, sondern geradezu vulgär, wie Langthaler immer wieder zeigen kann. Dawkins ist sowohl in philosophischen wie auch in theologisch-religiösen Fragen ein Analphabet ohne alle Grundlagenkenntnisse, was ihn allerdings nicht von seinen schneidigen Urteilen und seiner Selbstgewissheit abzubringen vermag.

Im dritten Teil seines Buches kommentiert Langthaler, wie Dawkins die traditionellen Gottesbeweise vorstellt und interpretiert, aber auch gerade angesichts dieser Passagen fragt Langthaler mehr als einmal (er liebt wirklich die Wiederholungen), warum Dawkins nicht die großartigen Bibliotheken Oxfords aufgesucht hat, um sich einzulesen und kundig zu machen. „Könnte es nicht […] sein“, fragt der Autor, „dass just jene Götter, gegen die Dawkins so energisch ankämpft und dabei zu polemischer Hochform aufläuft, der ‚Phantasie’ seines eigenen ‚Gottes-Wahnes’ entsprungen, d.h. von ihm selbst (bzw. den ‚Ausdrucksformen seines Gehirnes’) erfunden sind und sich so, genauer besehen, sein Unternehmen als ein gewiss recht erfolgreicher Kampf gegen seine eigenen Erfindungen erweist?“ Man wird diese rhetorische Frage ganz unbedingt bejahen müssen, zumal schon am Anfang seines Buches Langthaler zeigen konnte, dass Dawkins seinen Lieblingsgegner Platon gar nicht verstanden, sondern dessen Philosophie zu einer „abenteuerlichen Gespenstermetaphysik“ umgedichtet hat, gegen die sich natürlich trefflich streiten lässt.

Wesentlich ist aber hier vor allem, dass der von Kant vorgelegte Nachweis, dass man die Existenz eines Gottes nicht beweisen kann, natürlich auch umgekehrt gilt; es handelt sich ebenso um eine Grenzüberschreitung, wenn man aus den Ergebnissen der Wissenschaften heraus die Existenz eines Gottes bestreitet.

Man braucht weder gläubig zu sein noch gar Katholik, um dieses Buch zu schätzen und dem Autor fast überall Recht zu geben. In seinen besten Teilen ließe es sich als Lehrbuch für Philosophiestudenten benutzen, von denen aber, fürchte ich, die meisten sich bereits zu Dawkins, Dennett und anderen Modeautoren geflüchtet haben. Ob man sie zurückholen kann? Ich bin da skeptisch.

© Stefan Diebitz

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Format
gebunden
Seiten
584
Jahr
2015
Verlag
Karl Alber
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