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Sigmund, Karl: Sie nannten sich Der Wiener Kreis

Artikelnummer: 978-3-658-08534-6

Exaktes Denken am Rand des Untergangs

Gewicht: 0.7 kg

Rezension:

Ludwig Wittgenstein ist auch heute noch für viele seiner Leser eine Art Prophet und seine Bücher werden wie eine heilige Schrift zitiert. Seine Bedeutung hat wesentlich mit einem Kreis von bedeutenden Naturwissenschaftlern und Mathematikern zu tun, die sich in den Zwanziger Jahren an der Universität Wien zusammenfanden, um gemeinsam gegen die Metaphysik und damit gegen die Philosophie überhaupt anzukämpfen. Wittgenstein erkoren sie zu ihrer Leitfigur, sein Frühwerk „Traktatus logico-philosophicus“ zu ihrer durchbuchstabierten Bibel. Es dauerte, bis diese Positivisten und analytischen Philosophen sich überall durchgesetzt hatten, aber die englischsprachige Philosophie steht seit langem unter ihrer Fuchtel, und seit ungefähr zwanzig, fünfundzwanzig Jahren stellt die analytische Philosophie in einer weniger radikalen Form die dominierende Fraktion an deutschen Universitäten. Allerdings, gerade jetzt werden zunehmend wieder jene großen Denker entdeckt und studiert, gegen die der Wiener Kreis so verzweifelt ankämpfte und so scheint es, dass Lebensphilosophen, Phänomenologen und verwandte Geister endlich wieder die ihnen gemäße Stelle einnehmen dürfen.

Karl Sigmund, Professor für Mathematik an der Universität Wien, erzählt die Geschichte des Wiener Kreises als ihr unbedingter Anhänger. Aber auch dann, wenn man seinen Überzeugungen fern steht, kann man sein Buch belehrend, interessant und nicht zuletzt auch sehr unterhaltend finden. Es liest sich gut, und wenn man es schließt, hat man eine Menge gelernt.

Sigmunds Darstellung ist rein historisch; sie beginnt mit Ernst Mach, dem großen Physiker, der in Wien Professor für Philosophie wurde, setzt sich mit dem als Physiker nicht weniger bedeutenden Ludwig Boltzmann fort und schreibt endlich die Geschichte des Wiener Kreises, des von Machs und Boltzmanns Nachfolger Moritz Schlick geleiteten Diskussionszirkels an der Universität, der sich einen fanatischen Kampf gegen Metaphysik auf die Fahne geschrieben hatte. Das Ideal dieser als Wissenschaftler durchweg bedeutenden Hochschullehrer war der Mathematiker und Naturwissenschaftler; auf Philosophen aber schauten sie mit Verachtung hinab. Bereits Kant galt ihnen nichts, andere nahmen sie erst gar nicht zur Kenntnis oder verurteilten ihr Werk zur Gänze. Ihr Lieblingsgegner war Martin Heidegger, den sie zur Karikatur verkürzten; wie in ihrer Polemik, so spielen auch in diesem Buch andere große Philosophen der Zeit wie Ernst Cassirer, Max Scheler oder Edmund Husserl überhaupt keine Rolle. Besonders verräterisch scheint das Verschweigen von Alfred North Whitehead, der zusammen mit Bertrand Russell die „Principia mathematica“ als das Begründungsdokument der modernen Logik verfasst hatte. Russell war der Spiritus rector des Wiener Kreises, der Metaphysiker Whitehead als sein Antipode dagegen kommt tatsächlich nicht vor!

Kompetenter wirkt Sigmund, wenn er die Geschichte von Mathematikern erzählt, deren Forschungen und Leben mit dem Wiener Kreis eng verbunden waren. Hier wird seine Darstellung viel lebendiger und perspektivenreicher – während es für ihn in der Philosophie außer der Wiener Schule nur noch Unsinn zu geben scheint, zeigt er in der Mathematik die verschiedenen Denkansätze auf und erläutert sie so, dass auch der Laie die anstehenden Probleme ein wenig versteht. Es geht also nicht allein um den armseligen Wiener Kreis als die Keimzelle der analytischen Philosophie, sondern fast noch mehr um so große Mathematiker wie Kurt Gödel, John von Neumann oder Karl Menger.

Sigmund erzählt nicht allein die Geschichte des Wiener Kreises und zusätzlich die Arbeit der Mathematiker, sondern schildert auch noch in höchst lebendiger Weise die Atmosphäre im Wien der Zwanziger und Dreißiger Jahre. Das Werk von Romanciers wie Robert Musil und Hermann Broch wird ebenso angesprochen wie die Verbindungen Albert Einsteins nach Wien; die Architektur eines Adolf Loos spielt eine Rolle, aus Heimito von Doderers „Strudlhofsstiege“ wird wiederholt zitiert, endlich werden auch die persönlichen Lebensumstände der einzelnen Mitglieder des Kreises geschildert und so ist das Buch insgesamt vielschichtig, farbig und interessant.

Im Wiener Kreis versammelten sich viele Sozialisten und Juden, so dass er schon deshalb den Zorn aller Völkischen und Antisemiten auf sich zog. 1936 wurde Moritz Schlick ermordet, und wenig später mussten die meisten anderen seiner Mitglieder emigrieren. Angesichts dieser Umstände wird eine Geschichte des Wiener Kreises immer mehr sein als bloß die Geschichte einer Wissenschaftlergruppe, die sich wöchentlich traf. In nuce ist es die Geschichte der österreichischen Zwischenkriegszeit, die einem zu verstehen hilft, wieso und warum es mit der Demokratie nach 1918 nicht funktionieren wollte.

Manche Leser haben sich darüber beschwert, dass sich in diesem Buch nur wenig über die Philosophie der Wiener Gruppe findet, aber vielleicht liegt das ja daran, dass es um diese Philosophie ziemlich armselig bestellt war, denn ihre berühmten Mitglieder haben zwar jede Menge Denkverbote ausgesprochen und dazu geätzt und kritisiert, aber selbst kaum etwas zustandegebracht – schon gar nicht etwas, das sich mit den großen Werken der von ihnen angegriffenen Phänomenologen oder Lebensphilosophen hätte vergleichen können. Im Grunde war der Wiener Kreis absolut steril, und philosophisch ist nichts von Moritz Schlick, Rudolf Carnap und seinen anderen Mitgliedern geblieben. Ähnlich wird es schon bald Wittgenstein gehen – die ganze von ihm angeregte analytische Philosophie verliert, nachdem sie im deutschsprachigen Raum vielleicht zwei Jahrzehnte lang geherrscht hat, immer mehr an Zustimmung.

Das mit zahllosen Fotos reich illustrierte, ebenso informative wie unterhaltende Buch ist unbedingt zu empfehlen – für die Verehrer des Wiener Kreises ebenso wie für aufrechte Metaphysiker.

Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Der Wiener Kreis ist aus dem Geistesleben des 20. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Anknüpfend an Russell und Einstein versucht ein Team von Mathematikern, Naturwissenschaftlern und Philosophen die Grundlagen einer wissenschaftlichen Weltauffassung zu legen, im scharfen Gegenwind der reaktionären Politik der Zwischenkriegsjahre. Anschaulich, einfach und einprägsam stellt Karl Sigmund eine der spannendsten Episoden der radikalen Moderne dar - einer Episode, die vom Nationalsozialismus zerstört wurde, aber im angelsächsischen Exil reiche Früchte trug. Viele der damals angerissenen Fragen haben heute noch ihre Auswirkungen: Es führt eine Linie von der symbolischen Logik Carnaps und Gödels zur Informatik, und die wissenschaftliche Weltauffassung ist so selbstverständlich geworden, dass wir sie kaum mehr wahrnehmen. Ein Buch für alle an der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts Interessierten, das naturwissenschaftlich und geisteswissenschaftlich orientierte Leserinnen und Leser in gleichem Maß anspricht.

© Springer Verlag

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Format
kartoniert
Seiten
357
Jahr
2015
Verlag
Springer Fachmedien
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