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Schmitz, Hermann: Ausgrabungen zum wirklichen Leben

Artikelnummer: 978-3-495-48803-4

Eine Bilanz von Schmitz philosophischen Ansichten

Gewicht: 0.628 kg

Rezension:

Hermann Schmitz ist eine ganz einzigartige Gestalt in der deutschen Philosophie, denn sein Werk ist ebenso umfangreich und komplex wie in sich geschlossen und für sich stehend. Er begann 1964 mit nichts Geringerem als einem „System der Philosophie“, dessen zehn Bände er 1980 abschloss. Bereits 1990 fügte er dieser von ihm selbst. als „Neue Phänomenologie“ bezeichneten Philosophie dann eine ganze Fülle von Einzelstudien an – seiner eigenen Angabe nach hat er mehr als fünfzig Bücher geschrieben. Und es sind ja keine Liebesromane, sondern wissenschaftliche Arbeiten, für die er einen ganz unglaublichen Fleiß aufwendete, aber auch das Vermögen, weit auseinander liegende Wissensgebiete in einer immer wieder überraschenden Weise miteinander zu verknüpfen.
Eine erste Zusammenfassung seiner Philosophie gab Schmitz bereits 1990 in „Der unerschöpfliche Gegenstand“, in dem er aber im Wesentlichen sein bereits vorliegendes System referierte. Jetzt, am Abend eines sehr langen und produktiven Lebens, legt er unter dem merkwürdigen Titel „Ausgrabungen zum wirklichen Leben“ eine Bilanz vor, in der er nicht allein zusammenfasst, sondern auch von seinen gelegentlichen Selbstkorrekturen berichtet.

Der Band gliedert sich in fünf große Kapitel, „Subjektivität“, „Mannigfaltigkeit“, „Leib und Gefühl“ und endlich „Welt“ überschrieben; das letzte Kapitel nennt sich „Rückblick auf das Abendland“ und meint eine Kurzfassung einer europäischen Philosophiegeschichte. Alle Überlegungen von Schmitz sind höchst komplex, das heißt nicht allein in aller Regel kompliziert, sondern auch in- und miteinander verwoben, so dass man keinen Teil ungestraft überspringen darf – sonst wäre es ja kein System. Eben hierin liegt auch eine der Schwierigkeiten, wenn es darum geht, den Inhalt seines Buches zu referieren. Es wäre ein uferloses Unterfangen.

Besonders bekannt ist Schmitz für seine Philosophie des Leibes – hier besitzt er so etwas wie einen Alleinvertretungsanspruch, denn es gibt wohl keinen anderen Philosophen, der sich so exzessiv und detailliert mit dem Leib beschäftigt hat, den er vom Körper unterscheidet. Für Schmitz ist der Leib das, was wir auch ohne Zuhilfenahme von Sinnesorganen spüren, wogegen sich unser Körper ertasten oder in einem Spiegel anschauen lässt. Zu unserem Leib können unter Umständen auch Phantomglieder gehören, und so ist Leib etwas, das sich zwar gelegentlich oder vielleicht gar zumeist mit dem Körper deckt, keinesfalls aber mit ihm identisch ist. Anders als der Körper besitzt der Leib keine Fläche, wohl aber Volumen. Den Leib zeichnet eine Art dynamische Tiefe aus, die sich aus immer wieder neu bildenden und auflösenden „Leibesinseln“ zusammensetzt.
Der Leib ist das, in dem wir unbewusst zu Hause sind und in dem wir uns deshalb mit manchmal traumhafter Sicherheit bewegen. Das Lieblingsbeispiel von Schmitz hierfür ist das geschickte Ausweichen, mit dem ein Mensch fast tänzerisch eine dicht gedrängte Masse durchquert, ohne einen anderen Menschen zu berühren.

Im zweiten Kapitel dagegen, in dem er sich mit „Mannigfaltigkeit“ beschäftigt, argumentiert der Autor eher logisch bzw. mathematisch und setzt sich kritisch mit wichtigen Logikern auseinander, was die Lektüre dieser Partien höchst anspruchsvoll macht und sehr viel Konzentration erfordert. Der Rezensent fühlt sich auch nicht berufen, die Richtigkeit der dort vorgetragenen Überlegungen zu beurteilen. Dabei sind sie höchst bedeutend, nicht zuletzt, weil Schmitz sich gegen den „Singularismus“ wendet, gegen die Sucht, alles Seiende in der Welt als individualistisch zu behandeln – sein Hauptgegner ist hier kein Geringerer als Leibniz mit seinem „Indiscernibilienprinzip“, nach dem allem Realen, was in der Welt ist, Individualität zukommt. Eine Reihe sehr bedeutender Philosophen hat sich diesem Lehrsatz angeschlossen, und falls Schmitz Recht haben sollte mit seiner Polemik gegen Leibniz, hätte das wirklich unabsehbare Konsequenzen. Das ist ein Punkt, mit dem sich kritisch zu beschäftigen alle Philosophen aufgerufen sind.

Besonders viel Anstoß erregt Hermann Schmitz mit seinem Selbstgefühl. Über seine Philosophie sagt er, sie habe den Leib „gerade erst aus der Gletscherspalte jahrtausendelanger Vergessenheit hervorgezogen“, und von seiner Theorie der Gefühle, dass diese „ein jahrtausendealtes Missverständnis der Gefühle“ zu überwinden hilft. Das wäre nicht ganz schlecht: Bis zu Hermann Schmitz hat sich die ganze Menschheit geirrt. Was aber, wenn seine Theorie der Gefühle falsch ist? Nach Schmitz ist das Gefühl eine von einem Einzelmenschen unabhängige Macht, die diesen so von außen ergreift, dass dieser sie an seinem Leib spürt – eine Konstruktion, die Schmitz zu dem merkwürdigen Ausdruck „Fühlen eines Gefühls“ verleitet. Es ist eine außerhalb des Menschen befindliche Atmosphäre, die „den Betroffenen ergreift und damit sein eigenes, von ihm übernommenes Gefühl ist.“ Diese Vorstellung empfinde ich als bizarr und ganz und gar falsch, und so bin ich davon überzeugt, dass zumindest in diesem Fall doch die Jahrtausende recht behalten, nicht Herr Schmitz.

Ein anderes Charakteristikum dieses Autors ist sein Hang zur Systematisierung, was auch immer bedeutet, dass er versucht, ein Phänomen in wirklich allen seinen Aspekten zu beschreiben und terminologisch zu erfassen. Er findet dann kein Ende und argumentiert mit teils äußerst subtilen Unterscheidungen. Das hat ganz gewiss auch seine Verdienste, aber es ist bei der Lektüre höchst anstrengend.
Im letzten Kapitel wirft Schmitz einen „Rückblick auf das Abendland“, worunter man eine kurze Geschichte der abendländischen Philosophie seit den Vorsokratikern verstehen muss – eine konzise, aber natürlich auch wieder sehr eigenwillige Geschichte.

Es wäre anmaßend, ein so bedeutendes und differenziertes Werk in wenigen Worten nicht allein zusammenzufassen, sondern sogar zu bewerten. Wahrscheinlich werden erst die nächsten Jahrzehnte erweisen, ob die Neue Phänomenologie Bestand haben wird. Auf jeden Fall sind alle Bücher von Schmitz auch dort, wo man ihre Ergebnisse für falsch hält, enorm anregend und dieses Buch gibt eine ganz ausgezeichnete und so lesens- wie empfehlenswerte Einführung in das Gesamtwerk eines wichtigen Philosophen.

Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Schmitz zieht in diesem Buch die Bilanz eines mehr als fünfzigjährigen Fortschreitens im Dienst der Aufgabe, den Menschen ihr wirkliches Leben begreiflich zu machen. Er stellt zu diesem Zweck vier Säulen seines Werkes vor - unter den Titeln: Subjektivität, Mannigfaltigkeit, Leib und Gefühl, Welt - und bringt grundlegende Fragestellungen der Neuen Phänomenologie zur Sprache: Der Leib war seit der antiken Welt- und Menschspaltung vergessen und wird in der neueren Leibphilosophie höchstens als irgendwie ergänzter Körper verstanden. Schmitz arbeitet dagegen die mit dem sicht- und tastbaren Körper unvereinbare Räumlichkeit und Dynamik des spürbaren Leibes heraus und verfolgt diese Dynamik in die leibliche Kommunikation. Gefühle sind weder Seelenzustände noch persönliche Stellungnahmen, sondern räumlich ergossene Atmosphären und leiblich ergreifende Mächte. Die primitive Gegenwart, der Ursprung von Leib, Raum und Zeit, wird in ihrer Entfaltung zur Welt nach fünf Seiten - Raum, Zeit, Sein, Identität, Subjektivität - in Abhängigkeit von der satzförmigen Rede des Menschen verfolgt.
Am Schluss steht ein Rückblick auf das Abendland. Die antike Philosophie mit Welt- und Menschspaltung, das mittelalterliche Christentum mit Bindung des affektiven Betroffenseins an die Macht als zentrales Thema, die Neuzeit mit dem gegen Situationen und leibliche Kommunikation blinden Weltbild der Naturwissenschaft haben die Menschen vom Einblick in ihr wirkliches Leben abgelenkt. Die noch unverlorene Kraft kritischer Aufklärung lässt einige Hoffnung auf einen Neubeginn des menschlichen Selbst- und Weltverständnisses im Abendland übrig.

© Verlag Karl Alber

weitere Titel des Autors

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Format
gebunden
Seiten
400
Jahr
2016
Verlag
Karl Alber
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