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Rohmer, Stascha: Die Idee des Lebens

Artikelnummer: 978-3-495-48768-6

Vergleich zweier Werke zur Naturphilosophie

Rezension:

Mit zwei Hauptwerken der deutschen Philosophie beschäftigt sich das empfehlenswerte Buch des in Kolumbien lehrenden Philosophen Stascha Rohmer. Es kommentiert und interpretiert die „Wissenschaft der Logik“ von Georg Wilhelm Friedrich Hegel ebenso wie „Die Stufen des Organischen“ von Helmuth Plessner. Das gemeinsame Dritte beider Bücher findet der Autor in der Naturphilosophie und besonders in dem Begriff der Grenze.

Das enge Beieinander dreier überragender Philosophen Ende der 20er Jahre in Köln spiegelt sich direkt in den Werken dieser Zeit. Als Max Scheler an der „Stellung des Menschen im Kosmos“ und Helmuth Plessner an den „Stufen des Organischen“ arbeiteten, begann Nicolai Hartmann mit der Formulierung seiner Schichtentheorie und war zugleich mit den Vorarbeiten zu seiner vierbändigen Ontologie beschäftigt, mit denen er die beiden Grundlagenwerke der philosophischen Anthropologie entscheidend beeinflusste. Außerdem – und das ist mit Blick auf die Verbindung der beiden Werke Hegels und Plessners noch wichtiger – schrieb und veröffentlichte er seine große Hegel-Monografie, in deren Mittelpunkt eine ausführliche Interpretation von dessen „Logik“ steht. Aber auf Hartmann, der wohl das missing link zwischen Hegels „Logik“ und den „Stufen“ Plessners darstellt, geht Rohmer leider überhaupt nicht ein. Dann hätte dieses sehr schöne und wichtige Buch wohl noch einheitlicher und geschlossener argumentieren können.

Der Autor verhält sich außerordentlich diszipliniert, wenn er die Naturphilosophie Hegels und Plessners miteinander ins Gespräch bringt. Er kommentiert und erläutert Punkt für Punkt und schweift weder ab, noch übt er Kritik, sondern erst ganz am Ende seiner Arbeit nimmt er auf vierzehn konzentrierten, mit „Ausblick“ überschriebenen Seiten, Stellung besonders zu Hegel und weist ihm eine Reihe von Irrtümern nach. Seines minutiösen, sehr gut lesbaren Kommentars zweier extrem bedeutender Werke wegen ist das Buch unbedingt zu empfehlen.

Zweifellos ist es überraschend, Hegel mit dem wohl wichtigsten deutschsprachigen Naturphilosophen des 20. Jahrhunderts in Verbindung zu sehen. Während Plessner, ein Schüler des großen Biologen und Philosophen Hans Driesch, besonders von Zoologie viel verstand, gelten die naturwissenschaftlichen Ausflüge Hegels bereits seit Schopenhauers ätzenden Kommentaren als ignorant und waren im Laufe des 19. Jahrhunderts ein wesentlicher Grund für den Verlust seiner Reputation.

Die Naturphilosophie Plessners steht nicht unbedingt gleichberechtigt neben der „Logik“ Hegels, wie man nach dem Titel vermuten könnte, denn mehr als zwei Drittel des Bandes sind der akribischen Untersuchung von Hegels „Wissenschaft der Logik“ mit Hinweisen auf die „Phänomenologie des Geistes“ und der „Enzyklopädie“ gewidmet. Erst an diese schließt sich eine entsprechend genaue, insgesamt 90seitige Analyse der „Stufen des Organischen“ an. Rohmer rechtfertigt sein Vorhaben, beide Werke in einer Abhandlung zu beleuchten, mit dem Hinweis auf „bedeutende Konvergenzen“ zwischen Hegel und Plessner. Dabei setzte Plessners intensive Beschäftigung mit Hegel, wie Rohmer selbst schreibt, erst nach der Abfassung seines Hauptwerkes ein. Aber beide Philosophen verbinde „eine vom Glauben an die Einheit der Vernunft geprägte Lehre von den grundlegenden Strukturen des Universums qua Vernunftstrukturen.“ Im Abschlusskapitel spricht der Autor mit einer schönen Wendung vom „Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis“. Die Absicht beider Denker sei es, eine Theorie der Subjektivität mit der Ontologie zu verbinden, also das Verhältnis der Kategorien der Erkenntnis zu denen des Seins zu reflektieren.

Wie es schon der Untertitel verrät, ist es der Begriff der Grenze, den Rohmer als zentral sowohl für die „Logik“ Hegels als auch für die „Stufen“ Plessners ansieht. Dabei übernimmt die Konzeption Plessners mit dem Begriff der Grenze die Absage an genetische bzw. diachrone Aspekte. Deshalb finden sich in den „Stufen“ keine Überlegungen, in welchen die Rolle der Grenze zwischen den Arten diskutiert wird, sondern erst im „Nachtrag“ von 1965 werden „Stufen der Entwicklung“ angesprochen.

Handelt es sich um eine bloße Homonymie? Bezeichnet also dasselbe Wort zwei ganz verschiedene Verhältnisse? In der „Logik“ Hegels wird auch die „Grenze als Besonderheit“ diskutiert, worauf Rohmer in einem eigenen Abschnitt eingeht, und an dieser Stelle hätte es sich angeboten, einzuhaken und die Besonderheit von Organismen mit Blick auf die Abgrenzung der Arten voneinander (diachron wie synchron) zu diskutieren. Für Hegel spielt die Genese, spielen Prozesse generell eine wesentliche Rolle – nur eben nicht als Entwicklung in seiner Philosophie der Natur, sondern bei seiner Beschreibung des Bewusstseins. Die „Stufen“ dagegen konzentrieren sich ganz auf den einzelnen Organismus und seine Beziehung zu seiner Umwelt, die sich in den Stichworten Sensibilität, Irritabilität und Reproduktivität niederschlägt, also in den drei Begriffen, die bereits in Kants „Kritik der Urteilskraft“ und in Hegels „Logik“ diskutiert werden – teils natürlich unter anderem Namen. Wer sich den Begriff der Grenze im Sinne Plessners veranschaulichen will, der sollte an die Haut, an die Sinnesorgane sowie an den Stoffwechsel und die Fortpflanzung denken, nicht aber an die Unterschiede der Arten.

Es geht um die Grenzfunktionen des Organismus, dessen Beziehung auf sich selbst sich in Stufen vollzieht und im Begriff des Ich seine höchste Stellung erreicht. Plessner fasst diese höchstentwickelte Selbstbeziehung eines Organismus im zentralen Begriff seines Werkes zusammen, in der „exzentrischen Positionalität“, die den Menschen von der offenen Organisationsweise der Pflanze und der das Tier kennzeichnenden „Positionalität der geschlossenen Form“ unterscheidet. Wiederholt hat Plessner betont, diese Begriffe aus der natürlichen Anschauung heraus entwickelt zu haben. In den Worten Rohmers kann der Mensch (und unter den uns bekannten Wesen auch allein er) „die Relativität seines eigenen Standpunktes durchschauen“: „Das Ich, das sich erfasst, bleibt aus Plessners Sicht etwas unaufhebbar partikulares, wenn auch die Perspektive, aus der heraus es sich in seiner Individualität erfasst, es in seiner Einzelheit transzendiert.“ Den Unterschied zu Hegels Philosophie sieht Rohmer in den Akteuren dieser Prozesse, denn während Hegel den Geist als den Ursprung ansieht, ermöglicht für Plessner das Leben „das geistige Sein und damit Weltverstehen des Menschen.“. So wertet Plessner im „Vergleich zu Hegel“ die „naturhaften Grundlagen des humanen Lebens höher“. Unter Leben versteht Rohmer „die Vermittlung des Lebewesens mit seiner Umwelt“, also eben den angesprochenen Dreiklang von Sensibilität, Irritabilität und Reproduktivität.

Rohmer geht so weit, Hegel als den „Vordenker einer exzentrischen Positionalität“ darzustellen. Auf den letzten Seiten des Buches zeigt er, dass der Mensch seine Isolation nur dann überwinden kann, wenn und indem er den anderen Menschen als Mitmenschen entdeckt. Über den Geist als das, was diese Isolation zu überwinden hilft, hat ja niemand mehr zu sagen gewusst als Hegel (oder eben Nicolai Hartmann in seinem „Problem des geistigen Seins“, einem Buch, das dann Plessner ausführlich besprach und das den Begriff der „exzentrischen Positionalität“ in einem eigenen Abschnitt behandelt).

Die Stärke des Buches liegt in dem für wohl jeden Leser überaus lehrreichen Kommentar, der sowohl für Hegel als auch für Plessner äußerst akkurat und diszipliniert durchgeführt wird – diszipliniert heißt hier: ohne Bewertungen und Abschweifungen –, seine Schwäche in der Verbindung beider Teile. Erwähnt werden sollten noch der fast fehlerfreie Text und die gut verständliche Auslegung zweier ebenso schwieriger wie bedeutender Schriften in einem angenehm lesbaren Deutsch. So kann man dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.

Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Im Rahmen der heutigen Ökologie- und Bioethik-Debatte, aber auch in der durch die Fortschritte der Neurowissenschaften ausgelösten Diskussion über die Natur der Freiheit kommt der begrifflichen Bestimmung des Lebens und den damit einhergehenden anthropologischen Konsequenzen zentrale Bedeutung zu. Worin besteht das Wesen des Lebendigen und wodurch unterscheidet es sich vom Anorganischen? Was charakterisiert das spezifische Verhältnis von lebendem Organismus und Umwelt? Und wie lässt sich im Rahmen einer Kontinuität des Lebens der Mensch als eine Lebensform unter anderen Lebensformen in der Natur begreifen, ohne seine besondere Stellung zu bestreiten? Hegel und Plessner haben schon im 19. bzw. 20. Jahrhundert versucht, diese heute so aktuellen Fragen zu beantworten, wobei sie in ihren philosophischen Konzeptionen zugleich die Ergebnisse der Naturwissenschaften ihrer Zeit reflektierten. Während Hegel im Rahmen seiner Philosophie des absoluten Geistes bestrebt ist, die »Idee des Lebens« logisch herzuleiten, entwickelt Plessner eine Lebensphilosophie, in der das Leben gegenüber dem Geist als das Fundierende aufzufassen ist. Trotz dieser unbestreitbaren Differenz gehen beide Denker in ihrer Konzeption von einer ideellen Stufung der Natur aus, deren Dialektik die spezifischen Unterschiede zwischen Pflanze, Tier und Mensch entspringen. Wie in der vorliegenden Schrift dargelegt wird, kommt hierbei dem Begriff der Grenze besondere Bedeutung zu.

© Verlag Karl Alber

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Format
gebunden
Seiten
336
Jahr
2016
Verlag
Karl Alber
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