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Lotze, Rudolph Hermann: Mikrokosmos

Artikelnummer: 978-3-7873-3180-2

Überlegungen zur Metaphysik und Logik, zur Psychologie und zur Ästhetik

Gewicht: 1.61 kg

Rezension:

Heute ist Rudolph Hermann Lotze vergessen, aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er einer der prominentesten deutschen Philosophen, einflussreich einerseits durch seine Tätigkeit als Hochschullehrer, andererseits dank seiner Erfolge als Autor. Besonders ist der dreibändige „Mikrokosmos“ hervorzuheben, den er ursprünglich unter dem Titel „Mikrokosmus“ herausgebracht hatte. Der Titel erinnert an das Hauptwerk Alexander von Humboldts, den „Kosmos“, dessen fünf Bände zwischen 1845 und 1862 erschienen und nichts weniger darstellen sollten als eine Beschreibung der gesamten physischen Welt. Lotze seinerseits, der nicht nur in Philosophie, sondern zusätzlich auch in Medizin promoviert hatte, zielte mit seinem Titel, dessen drei Bände zwischen 1856 und 1864 erschienen, auf den Menschen. In einem allgemein verständlichen Stil beschrieb er diesen Mikrokosmos, und sein umfangreiches Buch – mehr als anderthalbtausend Seiten! – stellt in der deutschen Philosophie so etwas wie den ersten Versuch einer systematischen philosophischen Anthropologie dar, die sich allerdings auf Vorgänger wie etwa Johann Gottlieb Herder stützen konnte.

Trotz des Bemühens des Autors um Popularität wird der heutige Leser seinen Stil mit den langen, manchmal sogar sehr langen, allerdings immer übersichtlich gegliederten Perioden als altväterlich und entsprechend anstrengend wahrnehmen. Man muss sich also konzentrieren, steht aber nur ganz selten vor ungebräuchlichen Fremdwörtern. Fußnoten kennt der Text nicht, und der Personenindex des dickleibigen Werkes umfasst nicht einmal eine einzige Seite.

Der Herausgeber Nikolay Milkov hat ein ausführliches, den Gang der Argumentation nachzeichnendes Vorwort sowie einen Sach- und einen Namensindex beigesteuert. Der Text folgt einer Ausgabe von 1923 im selben Verlag und verzichtet auf jeden Kommentar, so dass der heutige Leser eventuell vorhandene Anspielungen meist nicht verstehen wird – es sei denn, er kennt sich sehr gut aus. Allerdings scheint es, dass Lotze fast ganz auf Polemiken aller Art verzichtet hat, wenn man einmal davon absieht, dass er Hegels Philosophie strikt ablehnt.

Was, fragt Lotze im neunten und letzten Buch seines Werkes, „was ist also und wo liegt das Sein?“ Er sieht immer und überall eine Wechselwirkung zwischen unzähligen Eigenschaften und Attributen, und Sein heißt für ihn, dass etwas in Beziehungen steht. Entsprechend ist es die Aufgabe des Philosophen, die unerhört vielfältigen Gesetze der Verbindung von allem mit allem und jedem nachzuzeichnen. So ist die Herausarbeitung der Mannigfaltigkeit und die gegenseitige Verknüpfung alles Seienden das Hauptanliegen des Autors. Der Gedanke des Mikrokosmos, schrieb Nicolai Hartmann in einer Würdigung von Leibniz, meint „schon ein Vertretensein aller Dinge in jedem einzelnen“ – eben darum geht es dem Leibnizianer Lotze.

Deshalb steht im Mittelpunkt des ersten Bandes die Wechselwirkung. Immer wieder betont der Autor sowohl die Mannigfaltigkeit der Dinge wie auch der Wahrnehmungen und ist um die Darstellung ihres eng geflochtenen Zusammenhanges bemüht. Aus den verschiedensten Blickwinkeln beschreibt er den Leib des Menschen und seine Seele, also seine Wahrnehmungen, seine Bewegungen und seine Gefühle – alles immer wieder im Zusammenhang, alles aufeinander bezogen. Es sind unzählige „Bänder“, die die Seele und den Leib verbinden, und der Vielfalt dieser Verbindungen sucht Lotze durch einen betont undogmatischen, immer wieder die Perspektive wechselnden Zugang gerecht zu werden. Der Text beginnt mit einer Beschreibung der Physiologie des Menschen, um dann zum Ende des ersten Bandes hin auf die Seele und schließlich sogar auf Gott zu sprechen zu kommen, also „jenem Gedanken eines inneren geistigen Lebens nachzuhängen, welches alle Materie“ durchdringt. In den Schlusspassagen des ersten Bandes formuliert er eine pantheistische Philosophie, nach der „die Wärme der Empfindung“ auch das leblose Sein bestimmt.

Der zweite Band setzt die Beschreibung fort, konzentriert sich aber mehr auf die äußerliche Erscheinung des Menschen im Unterschied zu den Tieren. Lotzes Philosophie des Menschen gründet so auf eine zumindest angedeutete Philosophie der Natur. Dabei sind diese Passagen ganz dem Entwicklungsdenken des 19. Jahrhunderts verpflichtet und auch sonst der Zeit verhaftet. Selbst Laien wissen heute manches über die Nerven, das Gehirn oder das Leben exotischer Tiere, das zu seiner Zeit selbst ein Fachmann wie Lotze überhaupt noch nicht wissen konnte. Das allerdings macht seine Diskussion der Fakten keineswegs wertlos, denn er argumentiert stets sehr grundsätzlich. Seine Argumentation hat deshalb an kaum einer Stelle an Wert verloren – jedenfalls nicht allein deshalb, weil die Wissenschaft über sie hinweggegangen wäre.

Der dritte, mit 600 Seiten umfangreichste Band bietet in seinen beiden ersten Büchern eine Geschichts- und eine Religionsphilosophie, die im entschiedenen Gegensatz zu Hegel steht, seinem im ganzen Werk nicht ein einziges Mal namentlich erwähnten Lieblingsgegner. Viel wichtiger und für heutige Leser anregender als seine Geschichtsphilosophie ist das letzte und neunte Buch – alle drei Bände enthalten drei „Bücher“ zu je drei, vier oder fünf großen Kapiteln –, das unter der Überschrift „Der Zusammenhang der Dinge“ seine Philosophie in den ersten Kapiteln noch einmal zusammenfasst, bevor er zwei weitere religionsphilosophische Kapitel – es sind die beiden letzten des Werkes – folgen lässt, in denen er „Die Persönlichkeit Gottes“ und „Gott und die Welt“ behandelt.

Der „Zusammenhang der Dinge“ ist das Hauptproblem, die „Mannigfaltigkeit“ das Leitmotiv des ganzen Werkes. Einerseits findet Lotze diese Mannigfaltigkeit in der Welt, so dass sein Buch eine Ontologie darstellt, andererseits muss es ein Bewusstsein geben, das diese Vielfalt wahrnehmen kann, und insofern ist es ein teils erkenntnistheoretisches, teils anthropologisches Werk. Es versucht, indem es auf der Beschreibung des Menschen aufbaut, das dicht gewobene Ineinander der Welt als „dies ganze Gewölbe aufeinander bezogener Dinge“ zu verstehen. Die Betonung liegt hier wie auch sonst auf „Zusammenhang“, denn es geht Lotze immer und jederzeit um die „Wechselwirkung zwischen Vielem“.

Lotze ist Leibnizianer. Er spricht nicht von Monaden, sondern von Atomen, wie es bereits Leibniz im 3. Paragraphen der „Monadologie“ tut, wo er die „Monaden die wahren Atome der Natur“ nennt. Durch das ganze Werk hindurch hat Lotze mit demselben Problem wie Leibniz zu kämpfen, wie nämlich die Welt angesichts ihrer Zersplitterung in unüberschaubar viele Mannigfaltigkeiten einheitlich sein kann. Das ist auch deshalb ein so großes Problem, weil dieser Philosoph immer wieder betont – er macht es sich sicherlich mit Absicht schwer –, wie „farbenreich und anziehend“ die Welt ist. Lotze zeigt sich so als das Gegenteil eines Monisten, also eines Philosophen, der die Welt aus einem einzigen Prinzip heraus ableiten will, sondern präsentiert sich als ein unideologischer, sehr offener Denker.

Das Buch ist philosophiegeschichtlich ungemein wichtig, denn einerseits gehört es zur Wirkungsgeschichte von Leibniz‘ Philosophie und kann viel zum Verständnis ihrer Lösungsvorschläge und Probleme beitragen, andererseits hat Lotze allergrößten Einfluss auf die ihm folgende Philosophengeneration ausgeübt, angefangen mit seinem Schüler Wilhelm Windelband. Vor allem sind aber auch Ernst Cassirer und Nikolai Hartmann zu nennen, die viel aus der Lektüre seiner Bücher gelernt haben. So ist die sorgfältige und gut lesbare Neuedition dieses wichtigen Werkes in jeder Hinsicht zu begrüßen, ja sie war sogar überfällig, und es ist zu hoffen, dass der „Mikrokosmos“ in den nächsten Jahren neu entdeckt und sorgfältig gelesen wird. Es ist eine so anregende wie lehrreiche Lektüre, die man vorbehaltlos empfehlen kann.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Hermann Lotze, der zu den bedeutendsten deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts zählt (und bis in die Zwanzigerjahre zu den meistdiskutierten gehörte), hat nicht nur den Neukantianismus und die Lebensphilosophie, sondern auch Husserls Phänomenologie und die frühe analytische Philosophie maßgeblich beeinflusst. Aufgrund seiner Doppelprofession als Philosoph und Mediziner steht Lotze im Zentrum der großen Transformationsbewegung im wissenschaftlichen Diskurs des 19. Jahrhunderts, die die Abtrennung der Wissenschaften von der idealistischen Philosophie und die Bemühung einer kritisch reflektierten Philosophie um Annäherung an die Erfahrungswissenschaften mit sich brachte. Lotzes Einsicht, dass der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt der Natur steht, sondern „dislociert“ ist, weist in das Zentrum seines großen Werkes Mikrokosmos. Ideen zur Naturgeschichte und Geschichte der Menschheit (1856). Von ihm selbst in eine Linie mit Herders Ideen und A. v. Humboldts Kosmos-Schrift gestellt, liefert Mikrokosmos schon vor dem Erscheinen von Darwins Origin of Species (1859) eine hellsichtige Kritik des neuen Materialismus und der anthropologischen Grundproblematik unserer Epoche. Gegen den analytischen Geist in den Wissenschaften und gegen die Rastlosigkeit ihres Fortschritts hält er an der Vorstellung fest, dass jede Weltbeschreibung der Selbstdeutung des Menschen angemessen sein muss. Mit dem Begriff der „Dislocirung“ wird auf den Punkt gebracht, was noch knapp hundert Jahre später die philosophische Anthropologie beschäftigen wird: Die Stellung des Menschen in der Natur ist fragwürdig geworden, innerhalb des Gesamtprozesses vom Leben gibt es keine eindeutige Position mehr für den Menschen.

© Felix Meiner

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Leseprobe
Format
gebunden
Seiten
1694
Jahr
2017
Verlag
Felix Meiner
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