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Honnefelder, Ludger: Was ist Wirklichkeit?

Artikelnummer: 978-3-506-78491-9

Beiträge zur Grundfrage der Metaphysik

Rezension:

Mit den Grundfragen der Metaphysik beschäftigt sich Ludger Honnefelder in seinem Buch „Was ist Wirklichkeit?“ In insgesamt zwölf, zuvor an verschiedenen Orten veröffentlichten Abhandlungen geht es ihm „nicht um eine philosophiehistorische Erhellung, sondern um die zu verhandelnde Sache“; mit anderen Worten, diese Aufsatzsammlung ist keine Philosophie- und schon gar keine Geistes- oder Kulturgeschichte, sondern bietet eine systematisch orientierte Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Philosophie auf einem sehr, sehr hohen Reflexionsniveau, das vom Leser nicht allein die Bereitschaft zur Konzentration, sondern auch noch einiges an Vorwissen verlangt.

Es geht Honnefelder um die Grundbegriffe der Metaphysik, also um die „Frage nach dem Ganzen und Ersten“, und dafür greift er außer auf die großen Meister der Scholastik noch auf die Klassiker der griechischen Philosophie zurück – das ist vor allem Aristoteles, aber auch Platon –, andererseits auf Immanuel Kant und endlich auf die Vertreter der sprachanalytischen Philosophie, die viele Anregungen aus der mittelalterlichen Philosophie aufgriffen und überhaupt in ihrem von der Logik bestimmten Argumentieren an diese anzuknüpfen versuchen. Für Honnefelder ist Philosophie eine „Lebensform“, es ist „dieses wissende Selbst- und Weltverhältnis“, und für diesen Begriff von Philosophie beruft er sich ausdrücklich auf Platons Dialog „Kriton“ und unausdrücklich auf Ludwig Wittgenstein, denn Philosophie ist für Honnefelder „die Orientierung an der universalen Wahrheit in Form des Nehmens und Gebens von Gründen“.

Die systematischen Postionen deckt Honnefelder, der fast lehrbuchartig zu argumentieren versteht, meist komplett ab; oder zumindest bemüht er sich darum. Aber historisch finden sich in jedem einzelnen Kapitel dieselben charakteristischen Lücken. Die erste ist die dem Mittelalter folgende Zeit, denn Descartes, Spinoza oder Leibniz werden, wenn überhaupt, bestenfalls am Rand erwähnt; dann geht der Autor immer wieder auf die „Kritik der reinen Vernunft“ ein und macht anschließend einen großen Satz über das 19. Jahrhundert hinweg zur sprachanalytischen Philosophie. Hegel, der große Aristoteliker Franz Brentano, die Neukantianer in Marburg oder die Phänomenologen um Husserl kommen schlicht nicht zu Wort, wenn man einmal von Heidegger absieht. Die beiden Sprünge vom Mittelalter über Kant und von diesem zu den Vertretern einer angelsächsischen Philosophie sind gewaltig, aber die Nichtberücksichtigung so vieler bedeutender Werke wird nichtsdestotrotz zu keinem Zeitpunkt begründet. Dabei wäre in einem Buch, in dem es um den Realismus geht, die Auseinandersetzung mit Positionen insbesondere von Nicolai Hartmann ganz unbedingt erfordert.

Der zweifellos populärste Spezialist für die mittelalterliche Philosophie ist Kurt Flasch, der sich in seiner „Einführung in die Philosophie des Mittelalters“ vehement gegen eine Problemgeschichte der Philosophie wendet, wie sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gepflegt wurde und wie sie auch Honnefelder vertritt. Flasch wendet ein, dass in einer Problemgeschichte, in der nur von den verschiedenen Positionen die Rede ist, „das zeitgemäße Kolorit nur eben als Kolorit, als eine Art historische Umkleidung des immerbleibenden Problems“ angesehen werde. Damit aber gehe das Geschichtliche verloren. Und wirklich ist Honnefelder daran kaum interessiert, sondern er argumentiert in den meisten Kapiteln streng systematisch, ohne mehr als einen flüchtigen Blick auf andere Gebiete zu werfen. Das gilt besonders für das letzte Kapitel, eigentlich der Höhepunkt des Buches, in dem die Aristoteles-Rezeption die entscheidende Rolle spielt.

Flaschs Bücher sind wahrscheinlich eben deshalb so erfolgreich, weil sie historisch argumentieren, weil sie also nicht allein den nackten Gedanken darstellen, sondern auch auf kulturelle, politische und sogar ökonomische Fragen eingehen, so dass die Philosophie der großen Meister nicht isoliert dasteht, sondern sich in einen größeren Zusammenhang einordnet. Das liest sich sehr gut, ja manchmal sogar geradezu spannend, aber es birgt den Nachteil, dass die Darstellung niemals so in die Tiefe dringt, wie sie es bei einer Problemgeschichte tut. Für diese stehen die Bücher Honnefelders, die so die Kontraposition zu den Schriften Flaschs darstellen. In einer Fußnote wirft er Flasch dann auch vor, „den Gegenstand einer Philosophiegeschichte zu weit zu ziehen.“ Dabei schreibt er selbst, dass die „Abstraktion vom historischen Kontext“ dazu führen könne, „die gerade der Spannung von historischem Kontext und Wahrheitsintention sich verdankenden philosophischen Einsichten zu übersehen“. Ich finde eigentlich, dass sich eben diese Abstraktion in seinen Arbeiten findet, halte das aber für keinen großen Mangel.

Das Manko von Honnefelders Art der Darstellung besteht im Vergleich zu den Büchern Flaschs darin, dass sie in ihrer begrifflichen Schärfe außerordentlich anspruchsvoll und so für Anfänger kaum zu empfehlen ist, denn der Autor argumentiert immer und überall auf einem wirklich sehr hohen Niveau, ohne allzuviel zu erklären. So bietet sich dieses Buch nur fortgeschrittenen und dazu ehrgeizigen Studenten der Philosophie oder der Theologie an, keinesfalls Anfängern. Kaum einer von diesen dürfte so hartgesotten sein, dass er mit diesem Buch zurechtkommt. Dabei nimmt Honnefelder, wie Flasch, eine historische Darstellung in Anspruch, schreibt nämlich, dass: „die Bezugnahme auf den jeweiligen Kontext und das Wissen um die Geschichte ihrer Suche nach Einsicht als konstitutive Elemente des Vollzugs der ‚Philosophie‘ zu betrachten“ sind. Dieser Satz ist einerseits wegen seiner umständlichen Genauigkeit typisch für diesen Autor, andererseits aber formuliert er ein Programm, das in diesem Buch an kaum einer Stelle eingelöst wird.

Das darf aber nicht über die außergewöhnliche und wirklich bewundernswerte Spannweite der Argumentation hinwegtäuschen, denn Honnefelder geht immer wieder auch auf Positionen der Gegenwart ein, setzt sich also beispielsweise mit Überlegungen von Jürgen Habermas oder Reinhard Koselleck auseinander, wenn er sich kritisch dem Begriff der Moderne nähert. Dieser Aufsatz, „Säkularität und Moderne im philosophischen Diskurs“ überschrieben, bringt fast als einziger auch das Schrifttum des 20. Jahrhunderts zur Geltung. Honnefelder zitiert Karl Löwith und Carl Schmitt und geht schließlich auf Hans Blumenbergs philosophiehistorische Werke ein.

Allen jenen, die sich sehr ernsthaft mit der Philosophie des Mittelalters beschäftigen wollen oder die sich für einzelne Probleme der klassischen Metaphysik interessieren, kann das Buch dringend empfohlen werden; aber es ist wirklich sehr schwierig.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Ist unsere Welt ein Konstrukt oder Wirklichkeit? Was aber heißt überhaupt »Wirklichkeit«? Die Debatte über Realität und Realismus bewegt die Philosophie seit Beginn ihres Fragens. Ludger Honnefelder ist der Frage nach der Realität unter Einbeziehung ihrer Entwicklung in der Geschichte der Philosophie nachgegangen. Der jüngste Streit um den »Neuen Realismus« hat einen Vorgänger in den philosophischen Debatten des 13. und 14. Jahrhunderts. Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen die Fragen, in welchem Sinn wir von Realität sprechen, was wir unter Existenz verstehen und wie sich dieses Verständnis darstellt, wenn wir von einer Kontingenz der Welt ausgehen. Im Licht der neueren sprachanalytischen Metaphysik zeigt sich die Brisanz dieses »zweiten Anfangs der Metaphysik«, wie wir ihm bei Autoren wie Albert dem Großen, Thomas von Aquin und Johannes Duns Scotus begegnen. Ihre Lösungen werfen – wie die Beiträge des Bandes zeigen – neues Licht auf die Gegenwartsdebatte.

© Ferdinand Schöningh Verlag

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Format
gebunden
Seiten
285
Jahr
2016
Verlag
Ferdinand Schöningh
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