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Dreyfus, Hubert / Taylor, Charles: Die Wiedergewinnung des Realismus

Artikelnummer: 978-3-518-58685-3

Eine philosophische Betrauchtung des Realismus

Gewicht: 0.383 kg

Rezension:

Hubert Dreyfus und Charles Taylor gehören zu den prominentesten Vertretern der nordamerikanischen Philosophie, sind aber nicht deren materialistisch ausgerichteten Hauptströmungen zuzurechnen, sondern berufen sich auf europäische Traditionen. Taylor ist dank eines wichtigen Buches über Hegel, aber auch wegen seiner zuletzt erschienenen religionsphilosophischen Arbeit allen Interessierten gut bekannt, und Dreyfus hat sich intensiv mit Heidegger beschäftigt und ist schon früh mit einer fundierten Kritik der Künstlichen Intelligenz hervorgetreten.

Wenn zwei so bekannte Autoren zusammen ein Buch schreiben, haben sie wohl einige Aufmerksamkeit verdient. Das vorliegende Werk, von dem prominentesten und erfahrensten deutschen Übersetzer englischsprachiger Philosophie ins Deutsche übertragen, wendet sich gegen den Lieblingsgegner der heutigen Philosophie, gegen René Descartes, sowie gegen eine von ihm ausgehende Tradition, die sie immer noch in der Philosophie vertreten glauben. Hier es ist aber nicht die sonst bestrittene Annahme, die Welt teile sich in Innenwelt und Außenwelt, sondern erst die daraus folgende Vorstellung, die sie die „dualistische Theorie der Repräsention“ nennen und die praktisch eine Neuschaffung der Welt in unserem Inneren behauptet. Nach ihr erhalten wir isolierte Daten von der Außenwelt und konstruieren in unserem Inneren daraus eine Welt, welche die wirkliche Welt repräsentiert, aber mit dieser kaum Ähnlichkeit besitzt. Im Gegensatz dazu behaupten Taylor und Dreyfus, dass wir uns in einer unmittelbaren Verbindung mit der Außenwelt befinden. Im Grunde vertreten sie also einen naiven Realismus.

In ihrer Argumentation stützen sie sich einerseits auf die Analysen Martin Heideggers in „Sein und Zeit“, in denen dieser unseren alltäglichen Umgang mit Werkzeugen, anderen Menschen und der Sprache untersucht und auf die Wahrnehmungslehre des französischen Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty, nach welcher unser Leib in alle unsere Wahrnehmungen „eingebettet“ ist.

„Unser Weltverständnis“, schreiben die Autoren, „ist also von Anfang an holistisch (…). So etwas wie das einzelne, unabhängige Wahrnehmungsdatum gibt es nicht. Diesen Status hat etwas nur in einem umfassenderen Kontext, der verstanden und als selbstverständlich akzeptiert ist, meistens aber gar nicht genau betrachtet wird.“ Im Grunde sind das Einsichten der Gestaltpsychologie, die in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde.

Dreyfus und Taylor vertreten einen „unproblematischen Realismus“, und man könnte kritisch fragen, ob sie damit nicht einfach eine Position vor aller Erkenntnistheorie vertreten – schließlich ist es das Wesen der Erkenntnistheorie, unser Verhältnis zur Welt zu problematisieren. Kann man so einfach dahinter zurückgehen?

Die Polemiken dieses Buches beziehen sich praktisch ausschließlich auf zeitgenössische amerikanische Autoren, von denen viele gänzlich unhaltbare Positionen vertreten, die sich nur zu leicht widerlegen lassen. Ein besonders schlagendes Beispiel ist die auch von manchen deutschen Philosophen vertretene These, unser Wissen insgesamt sei propositional und lasse sich deshalb in Protokollsätzen erfassen, in der Form schlichter Hauptsätze. John Searl, gegen den Dreyfus und Taylor polemisieren, setzt aber noch eins drauf und „behauptet: „Damit eine Körperbewegung als Handlung gilt, muß sie durch eine handlungsinhärente Absicht verursacht werden, also durch eine propositionale Repräsentation der Erfüllungsbedingungen der betreffenden Handlung.“ Das ist eine völlig unhaltbare, leicht zu widerlegende Position – wenn sie richtig wäre, gäbe es zum Beispiel keine unwillkürlichen Bewegungen oder keine Bewegungsschemata.

Auf der anderen Seite werden europäische Philosophen, deren Argumentation an Merleau-Ponty oder Heidegger anschließt bzw. diese weiterführt, an keiner Stelle zitiert. Besonders auffällig muss es sein, dass die Neue Phänomenologie von Hermann Schmitz den Autoren offensichtlich gänzlich unbekannt ist. Die von Dreyfus und Taylor vorgetragenen Analysen wirken daneben naiv, ja fast dilettantisch. Insbesondere die Philosophie des Leibes von Hermann Schmitz besitzt ein ganz anderes Niveau.

Es ist selbstverständlich kein schlechtes Buch, das Dreyfus und Taylor vorgelegt haben, aber auch keines, das man unbedingt gelesen haben muss – vor allem braucht man es nicht zu kennen, wenn man sich ein wenig in der aktuellen europäischen Philosophie auskennt oder einige der Hauptwerke des 20. Jahrhunderts gelesen hat. Studienanfängern dagegen kann man es wohl gut empfehlen.

Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Als René Descartes im 17. Jahrhundert die Erkenntnistheorie neu erfand, revolutionierte er mehr als eine philosophische Disziplin. Er begründete ein Denkschema, das das metaphysische und ethische Selbstverständnis der westlichen Moderne umfassend geprägt hat und uns – so Hubert Dreyfus und Charles Taylor – bis heute beherrscht. Da es aber auf falschen Voraussetzungen ruht, muss es final dekonstruiert werden. Dies ist das Ziel ihres Buches.

Dazu gilt es, Descartes' wirkmächtigste Idee vom Tisch zu nehmen. Sie lautet, dass wir nie in direkten Kontakt mit der Außenwelt treten, sondern stets vermittelt durch Vorstellungen in unserem Geist. Dreyfus und Taylor zeigen, dass diese Idee bis in die Gegenwart überlebt hat, sogar bei den Philosophen, die behaupten, sie überwunden zu haben. Und sie entwickeln eine Alternative in Rückbesinnung auf eine Traditionslinie, die von Aristoteles bis zu Heidegger und Merleau-Ponty reicht.

Anhand von Begriffen wie Dasein, Zeitlichkeit und Verkörperung skizzieren sie ein radikal neues Paradigma, das den Menschen als immer schon in direktem Kontakt mit der Welt begreift: einen robusten pluralen Realismus, der auch in ethisch-politischer Hinsicht einheitsstiftende Kraft hat. Es ist der endgültige Abschied von Descartes – souverän inszeniert von zwei der bedeutendsten Denker unserer Zeit.

© Suhrkamp Verlag

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Format
gebunden
Seiten
316
Jahr
2016
Verlag
Suhrkamp
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