0 0
Dieser Online-Shop verwendet Cookies für ein optimales Einkaufserlebnis. Dabei werden beispielsweise die Session-Informationen oder die Spracheinstellung auf Ihrem Rechner gespeichert. Ohne Cookies ist der Funktionsumfang des Online-Shops eingeschränkt. Sind Sie damit nicht einverstanden, klicken Sie bitte hier.

Bredekamp, Horst / Wedepohl, Claudia: Warburg, Cassirer und Einstein im Gespräch

Artikelnummer: 978-3-8031-5188-9

Die Entstehung des modernen Weltbildes

Gewicht: 0.309 kg

Rezension:

Drei der ganz Großen aus den zwanziger Jahren finden sich in diesem schmalen Band versammelt: Albert Einstein, den man wohl niemanden vorstellen muss, der Philosoph Ernst Cassirer und schließlich, als das Zentrum, Aby Warburg, der bedeutende Kunsthistoriker und Gründer der Bibliothek Warburg.

1918, also genau zum Kriegsende, war bei Warburg eine Psychose ausgebrochen und hatte sich zu der größten Krise seines Lebens ausgewirkt. Schließlich flüchtete er sich zu dem Psychiater Ludwig Binswanger, in dessen Sanatorium am Ufer des Bodensees. Als er allmählich wieder gesund wurde, hielt er 1923 vor Patienten seinen berühmten Vortrag über das „Schlangenritual“ der Hopi-Indianer und nahm außerdem seine Forschungen wieder auf. Einerseits interessierte er sich für die Bedeutung alles Bildlichen, andererseits wie andere prominente Hamburger Kunsthistoriker (Ernst Panofsky, Fritz Saxl) besonders für die Renaissance, das Erwachen der modernen Subjektivität in ihr und im Kontrast dazu, das Weiterleben oder die Umdeutung antiker Vorstellungen – zum Beispiel der Astrologie. In diesem Zusammenhang wollte er den Astronomen Johannes Kepler als den Menschen darstellen, in und an dem der Epochenwechsel sichtbar wird. Es ging Warburg um die „Weichenstellung für den entscheidenden Durchbruch zum modernen Weltbild“, wie es die Autoren dieser Studie ausdrücken. Dieser Durchbruch sollte besonders an der Ablösung des Kreises durch die Ellipse sichtbar werden: Nicht mehr auf kreisförmigen Bahnen wie in der Vorstellung der Antike und des Mittelalters, sondern auf ellipsenförmigen bewegen sich die Planeten um die Sonne. Ihre Bahn besitzt also zwei Brennpunkte.
Warburg muss ein eminent vielseitig gebildeter Mensch gewesen sein, aber selbst einer wie er konnte Rat gebrauchen. Er suchte und fand ihn auch; noch im Sanatorium besuchte ihn Ernst Cassirer, von dem er sich sofort verstanden fühlte – Cassirer veröffentlichte nur kurz darauf seine Warburg gewidmete Studie „Individuum und Kosmos in der Renaissance“ –, und Jahre später nahm Warburg Kontakt zu Albert Einstein auf, der an einer Herzkrankheit litt und sich deshalb in der Nähe Hamburgs aufhielt, in Scharbeutz an der Lübecker Bucht. 1928 besuchte ihn der Kunsthistoriker, trug ihm seine eigenen Pläne vor und ließ sich von dem Physiker die gewaltige Tat des Johannes Kepler erklären.

Das schmale Bändchen, gemeinsam verfasst von dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp und der Leiterin des Warburg-Archivs in London, Claudia Wedepohl, erzählt die Geschichte dieser beiden Begegnungen und erklärt die Motivation Warburgs. Im Grunde ist es also eine biografische Studie, die einen wichtigen, aber sehr eng umgrenzten Zeitraum in dem Leben Aby Warburgs darstellt. Allerdings werden eingangs der Studie die älteren Überlegungen Warburgs vorgestellt, die sich mit den Fresken im Palazza Schifanoia in Ferrara beschäftigen und diese Bilder als einen gewaltigen Kalender interpretieren, in dem sich antike und moderne Vorstellungen mischen. Warburg glaubte „in der dreistufigen, in einer olympischen Zone gipfelnden Anlage eine Anspielung auf die platonisch konnotierte Harmonie des Kosmos“ zu erkennen.
Auch die Kostümentwürfe, die der Florentiner Architekt Bernardo Buontalenti 1589 für den Hof der Medicis angefertigt hatte, beschäftigten Warburg; er wollte in ihnen das Ethos der antiken Philosophie ebenso erkennen wie die Abbildung einer kosmischen Harmonie. Denn Warburg interessierte die Transformation der antiken Götter, und die Personifikationen schienen ihm ein Beispiel: „an dem sich zeigen ließ, wie die olympischen Götter in der Frühen Neuzeit ihre ursprüngliche Funktion als Sinnbilder menschlicher Fähigkeiten zurückerhielten.“ Eben dies deutlich zu machen, sollte unter anderem die Funktion des seine letzten Jahre bestimmenden Projektes sein, des Mnemosyne-Atlas, der mit großen Schautafeln das Weiterleben antiker Vorstellungen in der Neuzeit anschaulich gemacht hätte.
Am interessantesten an diesem Buch ist wohl der Wechsel vom Kreis zur Ellipse, der sich in der Welt Johannes Keplers vollzog – an der Ellipse mit ihren beiden Brennpunkten glaubte Warburg die Polarität ablesen zu können, die den modernen Menschen auszeichnet, zur modernen Wissenschaft führt und auch in anderen geistigen Bereichen abzulesen ist. Aber diese Zusammenhänge werden nur angedeutet, weil das Schwergewicht auf der biografischen Ausdeutung liegt.
Aus dem Fundus des Londoner Warburg-Archivs stammt eine schöne kleine Skizze, die Einstein angefertigt hat, um mit ihrer Hilfe seinem Besucher zu erklären, wie Kepler die Umlaufbahn des Mars berechnen konnte. Zwei Jahre später schrieb der Physiker einen Aufsatz für die „Frankfurter Zeitung“ zum selben Thema, so dass nicht allein für Bewunderer Aby Warburgs, sondern auch für die Verehrer Albert Einsteins etwas abfällt. Trotzdem lässt die Lektüre einen etwas unzufriedenen Leser zurück, denn vieles wird angerissen, aber nichts so richtig zu Ende behandelt, obwohl die sehr gelehrten Autoren wohl eben hierzu fähig gewesen wären. Sie hätten den Gedanken der Polarität näher ausführen können und auch noch einen Blick in das Buch über die Relativitätstheorie werfen sollen, das der unfassbar weit und umfassend gebildete Ernst Cassirer nach intensiven Gesprächen mit Einstein geschrieben hat, um die beiden Wendepunkte des modernen Weltbildes, die kopernikanische Wende und die Relativitätstheorie, miteinander in Beziehung zu setzen. Auch hätte das zweite große Thema, das Weiterleben antiker Vorstellungen, ausführlicher interpretiert werden können. Tatsächlich wird nur so nebenbei auf die Merkwürdigkeit eingegangen, dass ein Mensch wie Johannes Kepler (und mit ihm ja noch andere Große seiner Zeit) den Vorstellungen der Astrologie anhingen.

Der Band enthält an seinem Ende einige Farbtafeln und zusätzlich viele Illustrationen innerhalb des Textes. Druckfehler hat der Rezensent nicht einen einzigen gefunden, das Schriftbild ist angenehm und schließlich ist der Band auch noch gebunden. Insofern ist er ein echtes Schmuckstück.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Die Kunsthistoriker Horst Bredekamp (Berlin, Humboldt-Universität) und Claudia Wedepohl (London, Warburg Institute) reisen mit Aby Warburg von Kreuzlingen nach Scharbeutz. Sie beschreiben den Austausch dreier maßgeblicher Denker ihrer Zeit über Johannes Kepler - und was dieser für Warburgs Kulturtheorie bedeutete.

Kreuzlingen am Schweizer Ufer des Bodensees und Scharbeutz an der Ostsee geben diesem Buch nicht nur einen geographischen, sondern auch einen kulturgeschichtlichen Ort. Der Kunst- und Kulturhistoriker Aby Warburg, Begründer einer bildwissenschaftlichen Ikonologie, führte dort wegweisende Gespräche mit zwei herausragenden Zeitgenossen: in Kreuzlingen im Jahr 1924 mit dem Philosophen Ernst Cassirer und gut vier Jahre später in Scharbeutz mit dem Physiker Albert Einstein. Warburg, soeben von langwieriger Krankheit genesen, suchte den Austausch mit Gleichgesinnten, nachdem er zurückgezogen im Sanatorium über verschiedene kulturgeschichtliche Themen nachgedacht hatte. Ihn beschäftigten vor allem der Astronom Johannes Kepler und die Frage nach dem Aufbau des Kosmos. Wie entstand das moderne Weltbild? In den Begegnungen Warburgs mit Cassirer und Einstein kommen Kunstgeschichte, Philosophie und Naturwissenschaften zusammen und erhellen sich wechselseitig, mit großem Gewinn für den Leser. Ein besonders sprechendes Zeugnis des Treffens in Scharbeutz ist eine soeben gefundene Skizze Einsteins, mit deren Hilfe er Keplers Berechnungen für Warburg erläuterte.

© Verlag Klaus Wagenbach

weitere Titel des Autors

weitere Titel der Autorin

bestellen bei:

buecher.de   Buch24.de   Hugendubel   Booklooker   ebook.de   Thalia   Amazon

Format
gebunden
Seiten
112
Jahr
215
Verlag
Klaus Wagenbach
Es liegen keine Kommentare zu diesem Artikel vor.