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Boros, Bianka: Selbstständigkeit in der Abhängigkeit

Artikelnummer: 978-3-95650-082-4

Eine Philosophie der Freiheit

Gewicht: 0.584 kg

Rezension:

Eine gründliche Untersuchung des Gesamtwerks von Nicolai Hartmann unter einem einzigen Aspekt ist das Anliegen der Dissertation von Bianka Boros. Als „Selbstständigkeit in der Abhängigkeit“ wird von Hartmann in seiner Ontologie die Freiheit des höher entwickelten Seins gefasst, also zum Beispiel der Vernunft gegenüber seiner organischen Grundlage, dem Gehirn. Seine Schichtenontologie zeigt, dass die jeweils höhere Schicht der niederen zwar insofern als unterlegen erscheint, als sie nicht allein auf deren Existenz angewiesen ist, sondern auch zusätzlich nicht gegen deren Gesetzlichkeit verstoßen kann und darf, dass sie aber andererseits diese überragt und nicht aus ihr heraus zu erklären ist. So verhält es sich mit dem Verhältnis der Pflanze zum leblosen Sein, also etwa einem Stein, oder des Tieres zur Pflanze. Die Pflanze kann nicht ohne das Gestein, das Tier nicht ohne die Pflanze existieren – insofern ist die niedere Schicht die stärkere. Aber die obere Schicht ist der unteren gegenüber frei, und ihr Wesen ist aus dieser heraus nicht zu erklären, denn mit der oberen Schicht ist etwas kategorial Neues entstanden.

Die Ontologie ist aber nur der erste, wenngleich der grundlegende Aspekt der Untersuchung von Botros, die eigentlich auf die Freiheit in der Ethik und in der Geistphilosophie Nicolai Hartmanns abzielt, mit der sich das vorletzte und letzte Kapitel des Buches beschäftigen. Wer eine systematische, also deren (fast) ganzes Gebiet abdeckende Darstellung von Hartmanns außerordentlich komplexer und durchgearbeiteter Philosophie sucht, ist mit dieser Untersuchung sehr gut bedient. Denn wenn man von den noch vor dem 1. Weltkrieg entstandenen Arbeiten zur griechischen Philosophie absieht, wird tatsächlich sein Gesamtwerk dargestellt. Das Gewicht liegt dabei nicht auf der Erkenntnistheorie, die nur gelegentlich angesprochen wird, sondern auf der Ontologie.
Boros’ Buch ist eine durchdacht, klug und immer unaufgeregt argumentierende Untersuchung, die auf den Aufweis der Überlegenheit der Philosophie von Nicolai Hartmann gegenüber heute populären Positionen zielt. Besonders die monistischen Philosophien werden von seinem Werk vollständig widerlegt. Hartmann war ein Gigant, dessen Werk in den Jahrzehnten nach seinem 1950 erfolgten Tod mehr und mehr verdrängt wurde, aber es scheint, dass ihm nun doch allmählich Gerechtigkeit widerfährt. Wesentlichen Anteil daran besitzt die Universität Wuppertal, an der diese Dissertation entstand, denn dort wurden auch andere wichtige und weiterführende Publikationen zum Werk Hartmanns vorbereitet.
Boros begnügt sich nicht mit der Darstellung der Hartmannschen Positionen, sondern vergleicht diese mit Überlegungen der heutigen Philosophie, wobei sie mit den unteren Schichten beginnt (dem leblosen Sein) und den oberen endet; sie weist also zunächst auf Atomphysik hin, behandelt im Anschluss Probleme der Emergenz und beschließt diesen Teil mit den Ergebnissen der Hirnforschung, also etwa den populären Positionen von Wolf Singer. Polemisch ist sie an keiner Stelle, sondern sogar eher ein wenig zu sehr auf Harmonie bedacht. Wenn man an Konrad Lorenz denkt, der sich ja ausdrücklich auf Hartmann berief, so kann man zwischen dessen Überlegungen und Hartmanns Werk wesentlich größere Differenzen sehen, als es Boros tut, die eine weitgehende Einigkeit anzunehmen scheint. Ich denke, dass ihre Darstellung hier, aber auch sonst ein wenig zu sehr auf Harmonie angelegt ist. Ihre Untersuchung ist aber schon deshalb wertvoll, weil sie die maßgebliche Literatur zu verschiedenen Gebieten zusammenstellt und sachlich referiert und deren Ergebnisse sodann auf ihre Vereinbarkeit mit der Philosophie Hartmanns überprüft.

Natürlich ist die Frage nach der Freiheit das entscheidende Problem einer jeden Ethik, ja, sie geht eigentlich allen weiteren Erörterungen voran – denn worum könnte es denn überhaupt noch in Moral und Ethik gehen, wenn der Mensch nicht frei wäre? Die Freiheit ist die Voraussetzung für eine jede Ethik und deshalb muss eine jede die Freiheit voraussetzen – die Freiheit, die schon immer von einigen wenigen, heute aber von sehr vielen, zum Teil prominenten Stimmen bestritten wird. Boros zeigt nun sehr schön, worin das Besondere des Freiheitsbegriffes von Hartmann liegt, der viel differenzierter ist, als es sich die meisten seiner Kritiker vorstellen können. Denn selbstverständlich geht Hartmann von einer determinierten, also von Naturgesetzen bestimmten Welt aus. Er zeigt aber, dass diese Naturgesetze nicht nur nicht die Freiheit widerlegen, sondern vielmehr die unabdingbare Voraussetzung für freies Handeln sind. In einer nicht determinierten, nicht von Gesetzen durchzogenen Welt gäbe es keine Voraussicht und kein Handeln und dann könnte es entsprechend auch keine Verantwortlichkeit geben. Die Freiheit des Menschen besteht also, wie es Boros ausdrückt, in einem „Plus an Determination“, und sie stellt fest, dass Freiheit im Sinne Hartmanns „das lückenlose Bestehen des Kausalnexus sogar voraussetzt“. Teleologisches (= zielgerichtetes) Handeln wäre in einer nicht von Gesetzen bestimmten Welt undenkbar. Eben dies drückt auch die Formel Hartmanns aus, die dieser Studie den Titel gab.

Zum Schluss seien zwei negative Aspekte dieser sonst sehr empfehlenswerten Studie angesprochen. Zunächst fällt das Fehlen einer Übersicht über die Siglen auf. Die Abkürzungen für die Hartmannschen Buch- und Aufsatztitel werden jeweils gesondert in einer Fußnote aufgeführt, die der Leser also im Gedächtnis behalten muss, wenn er die Sigle verstehen will. Immer wieder habe ich geblättert und gesucht. Eine Liste vor dem Literaturverzeichnis wäre keine große Sache gewesen, und außerdem hätte es den Text auch nicht verlängert, wenn die ganzen Titel jedes Mal in den Fußnoten genannt worden wären: genug Platz wäre immer gewesen.
Noch wichtiger ist folgendes. Die Autorin ist offenbar gebürtige Ungarin, und weil der Text nicht sorgfältig korrigiert und lektoriert wurde (falls überhaupt), enthält er zahllose kleinere, aber auch und größere Fehler aller möglichen Art, die den philosophischen Wert der Abhandlung zwar an keiner Stelle beeinträchtigen können, wohl aber das Lesevergnügen beträchtlich vermindern. Das ist weniger ein Vorwurf an die Autorin als vielmehr an den Verlag und an die Herausgeber, die den Lesern und natürlich auch der Verfasserin eine sorgfältige Durchsicht des Textes schuldig geblieben sind. Das ist deshalb so schade, weil es sich trotzdem um ein wirklich gutes und lesenswertes Buch handelt.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Nicolai Hartmann, ein zu Unrecht in Vergessenheit geratener Ontologe aus dem 20. Jahrhundert, hat einen Weltentwurf hervorgebracht, in dessen Rahmen sich eine besonders vielseitige und zugleich einheitliche Konzeption der Freiheit findet. In den vergangenen Jahren hat die philosophische Anthropologie seine Schichtenontologe für sich wiederentdeckt.
Die vorliegende Arbeit weist Heideggers Vorwurf des zirkulären Beweises bezüglich einer schichtenontologisch fundierten Freiheitskonzeption grundsätzlich zurück und vertritt die These, dass sich daraus ein "circulus fructuosus", ein "langer und informativer Kreis" zwischen Schichtenaufbau und Freiheit ergibt. Es ist beabsichtigt, alle Momente der Freiheitsauffassung Hartmanns zu strukturieren und in einen Zusammenhang zu stellen, um die Konzeption in ihrer Vielseitigkeit systematisch herauszuarbeiten.
Dementsprechend folgt der Aufbau der Arbeit der Reihe der Schichten von unten nach oben. Behandelt werden u.a. quantenmechanische Überlegungen (Bunge, Cassirer), die genetische Umdeutung der Schichten (Lorenz), die Theorien der Emergenz, das Leib-Seele-Problem, die von Hirnforschern provozierte Freiheitsdebatte (Libet, Singer, Roth), sittliche Freiheit (Kant, Scheler), Freiheit des Geistigen (Plessner, Gehlen) bzw. Freiheit als "Urheberin selbstgeschaffener Fesselung".

© Ergon Verlag

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Leseprobe
Format
gebunden
Seiten
212
Jahr
2015
Verlag
Ergon Verlag
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