0 0
Dieser Online-Shop verwendet Cookies für ein optimales Einkaufserlebnis. Dabei werden beispielsweise die Session-Informationen oder die Spracheinstellung auf Ihrem Rechner gespeichert. Ohne Cookies ist der Funktionsumfang des Online-Shops eingeschränkt. Sind Sie damit nicht einverstanden, klicken Sie bitte hier.

Tegmark, Max: Unser mathematisches Universum

Artikelnummer: 978-3-550-08092-0

Für Tegmark ist das Universum Mathematik

Rezension:

Es kommt nicht oft vor, dass uns ein Autor erzählt, dass man ihn für verrückt hält, und noch seltener, dass er auch noch stolz darauf ist. Max „Mad Max“ Tegmark, ein in den USA lebender und forschender Physiker, ist stolz auf seine Gedankenexperimente, mit denen er auch bei der Mehrzahl seiner Kollegen auf Unverständnis trifft. Ganz anders die Reaktion der Öffentlichkeit, denn sein Buch stieß auf enthusiastische Reaktionen sowohl in der Presse als auch bei den Internetversandbuchhändlern.

Die Grundthese des Autors ist ganz einfach und wird von ihm bereits in der Einleitung verkündet. Sie lautet, „dass unsere materielle Welt von der Mathematik nicht nur beschrieben wird, sondern dass sie Mathematik ist.“ Da fragt man sich unwillkürlich, ob er unter Wirklichkeit nicht vielleicht etwas ganz anderes als der Rest der Menschheit versteht. „Alles, was existiert“, so lautet die ziemlich schlichte Antwort nach seinem Verständnis von Wirklichkeit, die er mit der Materie offenbar einfach gleichsetzt.

Es wirkt schon sehr überheblich, dass Tegmark sich nicht die Mühe gemacht hat, sich mit der philosophischen Literatur zum Thema auseinanderzusetzen. Denn natürlich hat die Philosophie seit Aristoteles immer wieder über den Begriff der Wirklichkeit nachgedacht, und sie hat sogar zu einer überraschend einheitlichen Meinung gefunden, die (und das überrascht uns jetzt nicht) ganz anders klingt als das selbst gestrickte Konzept Tegmarks. Einerseits gehören das Wirkliche zusammen mit Möglichkeit und Notwendigkeit zu den Kategorien der Modalität, andererseits ist die Realität das Gegenteil der Idealität. Und hierzu – und eben nicht zur Realität oder Wirklichkeit – gehört die Mathematik.

Warum kann die Physik uns überhaupt Auskunft über das Ganze der Wirklichkeit geben? Tatsächlich ist Tegmarks Konzept Metaphysik, und zwar Metaphysik von einer ganz naiven Sorte; dieser Autor glaubt fest daran, dass wir nicht in der wahren Wirklichkeit leben, sondern dass es etwas hinter dieser Wirklichkeit gibt, das dann von ihm als die wahre Wirklichkeit entlarvt wird. Er versucht dies mit einer teils selbst gebastelten, teils von amerikanischen Bestsellerautoren übernommenen Privatphilosophie zu leisten, und der Leser steht fassungslos vor diesem Unsinn, der wirklich jeden Kontakt zu unserer gemeinsamen Welt aufgegeben hat.

Natürlich steht Tegmark nicht allein. Auch andere Autoren vertreten in der Nachfolge des großen Physikers Niels Bohr die Ansicht, dass erst hinter unserer Wirklichkeit die eigentliche Wirklichkeit zu suchen ist. Schon Bohrs Ansicht ist problematisch, aber er wusste das und wurde nicht müde, darüber nachzudenken. Tegmark dagegen ist völlig kompromisslos und treibt es auf die Spitze, denn er geht ja weit über die Meinung hinaus, dass die Welt, der wir in unserem täglichen Leben begegnen, nicht die wirkliche Welt ist, und er gibt sich auch nicht allein damit zufrieden, dass es vielleicht noch ein Paralleluniversum gibt, das zwar genauso unendlich groß ist wie das unsere, aber absolut unsichtbar. Nein, seine Spekulationen führen ihn dazu, eine unüberschaubare Anzahl von Paralleluniversen anzunehmen, „die so umfassend und verrückt sind, dass alle bereits erwähnten Verrücktheiten im Vergleich dazu erblassen“. Es gibt nach Ansicht von Tegmark so viele Paralleluniversen, dass er es für arrogant hält, unser Universum „das“ Universum zu nennen – das wäre ein Lokalpatriotismus, den ein Mann seines Kalibers ablehnen muss.

Unerfreulich ist auch der Versuch, den pseudophilosophischen Überlegungen einen persönlichen Touch zu geben. Ganz schematisch springt dieser Autor mit fast jedem Kapitelanfang mitten hinein in ein wirres Geschehen, das sich nur wenige Zeilen später in Wohlgefallen auflöst. So beginnt das erste Kapitel mit dem Satz „Eine Sekunde später starb ich.“, das zweite mit „Er hebt die Hand, und ich gebe ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er seine Frage jetzt stellen kann.“

Wie viele andere Wissenschaftsautoren auch ist dieser Schriftsteller von Science Fiction geprägt, und zwar sowohl von der Literatur als auch von den Filmen. Wer denkt nicht an „Per Anhalter durch die Galaxis“, wenn er die Überschrift des 13. Kapitels liest: „Das Leben, unser Universum und der ganze Rest“? Aber das hier ist keine Satire, sondern wie Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“ vertritt Tegmark seine kruden Theorien ganz ernsthaft. Immer wieder zeigt er sich (auch das ein Kennzeichen der Science Fiction) von großen Zahlen fasziniert; für solche Leute ist es ein Leichtes, die Zahl der Moleküle in unserem Universum auszurechnen… Im Grunde ist dabei der Übergang zur Religion (oder zu einer Pseudo-Religion) fließend, und so ist es wirklich verräterisch, wenn er über seine Lektüre der Vorlesungen des Physikers Richard Feynman schreibt: „Mir ging ein Licht auf. Ich las immer weiter und war hingerissen. Ich glaubte, eine religiöse Erfahrung zu machen.“ Und ich glaube, dass er es nicht nur glaubte.

© Stefan Diebitz


WORUM GEHT ES? Max Tegmark entwickelt eine neue Theorie des Kosmos: Das Universum selbst ist reine Mathematik. In diesem Buch geht es um die physikalische Realität des Kosmos, um den Urknall und die „Zeit davor“ und um die Evolution des Weltalls. Welche Rollen spielen wir dabei – die Wesen, die klug genug sind, das alles verstehen zu wollen? Tegmark findet, dieses Terrain sollte nicht länger den Philosophen überlassen bleiben. Denn die Physiker von heute haben die besseren Antworten auf die ewigen Fragen. WAS IST BESONDERS? „Eine hinreißende Expedition, die jenseits des konventionellen Denkens nach der wahren Bedeutung von Realität sucht.“ BBC „Tegmark behandelt die großen Fragen der Kosmologie und der Teilchenphysik weitaus verständlicher als Stephen Hawking.“ THE TIMES WER LIEST? • Jeder, der das Universum verstehen will • Die Leser von Richard Dawkins und Markus Gabriel

© Ullstein Verlag

empfohlen: Bestellen im Buchhandel

Bestellen bei Amazon

weitere Titel des Autors

Format
gebunden
Seiten
608
Jahr
2015
Verlag
Ullstein
Es liegen keine Kommentare zu diesem Artikel vor.