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Kiesel, Helmuth (Hrsg.): Jünger, Ernst: Auf den Marmorklippen

Artikelnummer: 978-3-608-96178-2

Jüngers Roman mit einer intensiven Betrachtung

Rezension:

Es kann nicht im Ernst darum gehen, einen Roman, der zu Beginn des 2. Weltkrieges in Deutschland erschien, beim Publikum sofort ungewöhnlich große Erfolge feierte und seither unzählige Male besprochen, gedeutet und kommentiert wurde, ja der sogar Schullektüre war, zu rezensieren, als erscheine er zum ersten Mal. Allenfalls kann man allen denjenigen, die von diesem Buch noch nie gehört haben, einige Hinweise geben, warum sie es unbedingt lesen sollten. Denn wenn Ernst Jünger auch einige fragwürdige Seiten besessen haben mag, wenngleich er in der Weimarer Republik zu den Feinden der Demokratie gezählt hat und seine unterkühlte, gelegentlich affektierte Art zu erzählen nicht jedem gefallen wird, so ist „Auf den Marmorklippen“ doch ein Buch, das jeder kennen muss, der an deutscher Literatur interessiert ist. Wirklich jeder.

Diese Besprechung gilt also weniger dem Roman als vielmehr der Ausgabe, die der Germanist und Jünger-Spezialist – wohl der beste Kenner seiner Werke – Helmuth Kiesel besorgte und die für ihren Preis enorm viel bietet. Natürlich zunächst den bloßen Text, der aber nur wenig mehr als ein Viertel des Buches ausmacht, denn „Auf den Marmorklippen“ ist ein kurzer Roman. An ihn schließen sich zunächst Wort- und Sacherläuterungen an, die fast alle notwendig sind: Die Namen der Protagonisten werden erklärt (zum Beispiel meint Jünger mit dem „alten Pulverkopf“, worauf man wohl nicht so ohne weiteres kommt, Nietzsche), bei Jüngers teils detaillierten und immer sprachverliebten Naturschilderungen werden Insekten-, Schlangen- und Blumenarten genannt, die nur die wenigsten Leser kennen werden und die oft eine mythologische Bedeutung besitzen; dann findet sich allerlei Autobiografisches, das in Jüngers „verdeckter Schreibweise“ ebenfalls nur für Fachleute lesbar ist – oft allein dank der Kenntnis seiner Tagebücher oder Hinweisen aus der Literatur. Diese Sacherklärungen sind alle wirklich notwendig; der Rezensent jedenfalls hat dank dieser Ausgabe einiges mehr verstanden als zuvor.

An die Erläuterungen schließt sich zunächst der Abdruck von Friedrich Georg Jüngers geradezu sagenhaftem Gedicht „Der Mohn“ an, das sich in einer sehr ähnlichen Weise gegen den Nationalsozialismus richtet wie der Roman seines Bruders. Allerdings wurde es bereits 1934 veröffentlicht; der Roman erschien erst 1939. Gemeinsam ist dem Roman wie dem in Distichen verfassten, ziemlich langen Gedicht, ein hoher, sogar sehr hoher Ton, mit dem sich die beiden Brüder von den von ihnen als vulgär empfundenen Nationalsozialisten distanzieren wollten. Auf die wenigen Seiten mit dem Gedicht folgen die Rezensionen aus der ersten Zeit, also den ersten beiden Kriegsjahren. Es sind so viele Besprechungen, dass sie fast ausnahmslos um den nacherzählenden Teil gekürzt werden mussten, um das Buch nicht allzu umfangreich werden zu lassen. Dann gibt es auch einen Bildteil, in dem das Haus am Bodensee, in dem Ernst Jünger damals lebte, zwei Porträts von ihm und anderes gezeigt werden. Den Band beschließt eine ungefähr einhundert Seiten starke Abhandlung Kiesels, in der er über die Entstehung der „Marmorklippen“ schreibt und Hinweise auf ihre Deutung gibt. Ein sehr interessanter, gut zu lesender und dazu belehrender Text!

Es war ja merkwürdig genug, dass ein derartig scharfer Angriff auf den Nationalsozialismus in dieser Zeit – im Herbst 1939, also unmittelbar nach dem Angriff auf Polen – überhaupt veröffentlicht werden konnte. Zu verdanken hatte Jünger das nicht zuletzt dem Leiter seines Verlages, der frech und unerschrocken genug war, davon auszugehen, „daß die Partei das Bild, das Jünger zeichnete, nicht auf sich beziehen konnte, wenn sie sich nicht selbst bezichtigen wollte.“ So geschah dann dem Autor eben nichts, zumal Jünger unmittelbar vor dem Erscheinen zum Heer eingezogen worden war, wo er sich zumindest ein wenig beschützt fühlte.

Sowohl den Roman selbst als auch diese für ihre Leistungen keinesfalls teure Edition kann man gar nicht warm genug empfehlen.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Die Karriere eines Romans: Widerstandsschrift, Schullektüre, Problembuch

Die Karriere der »Marmorklippen« seit ihrem Erscheinen 1939 war wechselhaft: Widerstandsschrift, Schullektüre, Problembuch. Diese Ausgabe liefert neben dem Roman zahlreiche Materialien zu Entstehung und Hintergründen der langjährigen Debatte.

Der Roman »Auf den Marmorklippen«, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erschien, galt lange als ethisches und ästhetisches Problembuch im Werk Ernst Jüngers und wurde zugleich vielfach als Parabel auf den Nationalsozialismus verstanden. Nicht nur Jünger selbst schrieb ihm nachträglich eine darüber hinausreichende geschichtsphilosophische Erklärungsmacht zu.

Der Jünger-Experte Helmuth Kiesel hat für diesen Band vielfältige Dokumente zusammengetragen und kommentiert:

• Entstehungsgeschichte und Rezeption der Nachkriegsjahre
• Überlieferungsgeschichte: Handschrift, Druck, Ausgaben
• Variantenverzeichnis
• Ausführliche Sach- und Worterläuterungen
• Bilddokumente
• Eigene Äußerungen Jüngers über die »Marmorklippen«
• Publizierte Rezensionen von 1939 bis 1945
• Prominente Äußerungen nach 1945
• Bibliographie

© Klett Cotta

weitere Titel des Autors

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Format
gebunden mit Schutzumschlag
Seiten
396
Jahr
2017
Verlag
Klett Cotta
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