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Hahn, Hans-Joachim / Kistenmacher, Olaf (Hrsg.): Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft

Artikelnummer: 978-3-11-033905-5

Zur Antisemitismusforschung vor 1944

Gewicht: 0.829 kg

Rezension:

Der Beginn einer sozialwissenschaftlichen Theoriebildung zum Antisemitismus wird gewöhnlich auf die 1940er Jahre datiert und der „Frankfurter Schule“ um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer gutgeschrieben. In der Tat scheint erst die nationalsozialistische Vernichtungspolitik eine vertiefte und wissenschaftlich fundierte Reflektion über dieses Thema angestoßen zu haben. So erschienen auch die bahnbrechenden phänomenologischen Studien von Jean-Paul Sartre, Hannah Arendt und Eva Reichmann in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Der von Hans-Joachim Hahn und Olaf Kistenmacher herausgegebene Sammelband macht jetzt auf die Vorläufer der Antisemitismusforschung aufmerksam, die heute entweder vergessen sind oder als überholt gelten.

Die ersten fundierten Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft fallen mit den Diskussionen um die Judenemanzipation im späten 18. Jahrhundert zusammen. Darauf folgte im 19. Jahrhundert die Auseinandersetzung mit dem modernen Antisemitismus als soziale und politische Bewegung. Träger der Diskussion waren jüdische wie nichtjüdische Intellektuelle, zumeist Privatgelehrte, die sich allenfalls am Rande der „scientific community“ bewegten.
Hahn und Kistenmacher sprechen zu Recht von einem „protowissenschaftlichen Charakter der Beschreibungsversuche“ (S. 10), denn die wissenschaftlichen Disziplinen Politologie, Soziologie, Psychologie und Völkerpsychologie (heute Ethnologie), auf die man sich beziehen konnte, waren noch jung und wenig etabliert. Hinzu kommt, dass gerade das akademisch gebildete Bürgertum eine Hauptträgerschicht des Antisemitismus stellte, weshalb die Universitäten kaum als geeigneter Ort der Antisemitismusforschung in Frage kamen.

Obwohl die Beschreibungsversuche ein hohes theoretisches Reflektionsniveau erreichten und spätere Antisemitismustheorien beeinflussten, haben sie eine markante Schwachstelle gemeinsam – sie fielen immer wieder in die Diskussion einer „Judenfrage“ zurück.
Dies ist insofern erstaunlich, als von vielen Intellektuellen schon lange vor Adorno und Horkheimer erkannt worden ist, dass der Antisemitismus als Problem der Mehrheitsgesellschaft analysiert werden muss. Auch die frühen Antisemitismustheoretiker verorteten die Ursachen des Antisemitismus nicht in Eigenschaften oder Verhaltensweisen der Juden. So war der Aufklärer Christian Wilhelm Dohm zwar der Auffassung, dass sich die Juden durch gemeinschaftsschädigende Eigenschafen auszeichneten, diese seien aber durch Verfolgung und Diskriminierung erst hervorgerufen worden. Die Judenfeindlichkeit werde dadurch verschwinden, dass man die Juden rechtlich gleichstelle und durch eine staatliche Erziehungspolitik bessere.

Otto Weininger entlarvte in seinem berüchtigten Buch „Geschlecht und Charakter“ (1903) den Antisemitismus als pathische Projektion, an der er sich aber mit seinen idealtypischen Konstrukten vom „Weib“ und vom „Juden“ selbst beteiligte. Fritz Bernstein analysierte den „Antisemitismus als Gruppenerscheinung“ (1926). Dem quasi naturgesetzlichen Aufeinanderprallen von Mehrheits- und Minderheitsgruppen könnten die Juden nicht durch Assimilation entfliehen, da der Antisemitismus auf unterstellten und nicht auf tatsächlichen Gruppeneigenschaften aufbaue. Folglich bleibe als einziger Ausweg der Zionismus, der den Antisemitismus durch die räumliche Trennung aufheben könne.
Constantin Brunner näherte sich dem Phänomen des Antisemitismus als einer der ersten über die Psychologie. Er erkannte in der Judenfeindlichkeit ein richtungsloses Hassbedürfnis, das sich den Gegenstand des Hasses selbst erzeuge. Brunner demonstrierte dies in seinem Hauptwerk „Der Judenhaß und die Juden“ (1918) an den wirren Rassentheorien der Antisemiten, mit denen sie versuchten, die Juden aus der deutschen Nation herauszulösen. Seit den 1920er Jahren widmete sich Brunner dann aber primär den Zionisten, die seiner Meinung nach auf die Rassentheorien der Antisemiten hereingefallen seien.

Warum fielen die meisten der frühen Antisemitismustheoretiker immer wieder in die Diskussion einer „Judenfrage“ zurück, obwohl sie doch klar formulierten, dass diese nichts zur Erkenntnis des Antisemitismus beitragen könne? Wer sich zum Antisemitismus äußerte, tat dies im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert als Intellektueller und nicht als Wissenschaftler, auch wenn viele Werke die wissenschaftlichen Standards der Zeit durchaus einhielten. Doch die Werke waren nicht primär Teil eines wissenschaftlichen, sondern eines politischen Diskurses, der sehr oft in der Apologetik stecken blieb, indem er versuchte die Berechtigung des modernen Antisemitismus zu widerlegen, anstatt sich der Soziologie oder Psychologie der Antisemiten zuzuwenden. Insofern bilden die „Studies in Prejudice“ von Adorno und Horkheimer eben doch eine Zäsur.

Alle Beiträge des Sammelbandes sind hervorragend recherchiert. Leider gibt es keinen Beitrag über die Antisemitismusumfragen von Hermann Bahr und Julius Moses, die als Vorläufer einer empirisch statt phänomenologisch arbeitenden Antisemitismusforschung interpretiert werden können. Andere Aufsätze, wie die über David Kaufmann und Eduard Fuchs, müssen den Begriff der Antisemitismustheorie arg überdehnen, um thematisch in diesen Sammelband zu passen.

© Thomas Graefe

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Format
gebunden
Seiten
492
Jahr
2014
Verlag
de Gruyter
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