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Rauschenberger, Katharina / Konitzer, Werner (Hrsg.): Antisemitismus und andere Feindseligkeiten

Artikelnummer: 978-3-5935-0469-8

Wissenschaft Antisemitismus und andere Feindseligkeiten Interaktionen von Ressentiments

Gewicht: 0.259 kg

Rezension:

Der von Katharina Rauschenberger und Werner Konitzer im Auftrag des Fritz-Bauer-Instituts herausgegebene Sammelband widmet sich der Frage, wie sich Antisemitismus zu anderen gruppenbezogenen Ressentiments verhält. Dabei geht es in den acht Beiträgen ausdrücklich nicht um einen Vergleich von Feindbildern, sondern um ihre aufeinander bezogene Interaktion. Die Aufsätze sind durchweg gut recherchiert und decken einen Zeitrahmen vom Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart ab.

Thomas Kaufmann untersucht Martin Luthers Judenhass im Kontext anderer Feindseligkeiten. Dabei stellt er fest, dass der Reformator an alle von ihm kritisierten religiösen und gesellschaftlichen Gruppen die Messlatte seiner Rechtfertigungslehre anlegte, auch an Juden und Muslime. Somit wurden diese Gruppen zur Projektionsfläche innerchristlicher theologischer Kontroversen. Obwohl Luther auch auf zeitgenössische Völkerstereotype zurückgriff, war sein Exklusionskriterium die Missachtung des „wahren Evangeliums“, während moderne Kategorien wie Rasse und Nation keine Rolle spielten. Die Kontinuitäten von Luthers Judenfeindlichkeit verweisen eher zurück auf das Mittelalter. Hierauf macht Johannes Heils Aufsatz zu Vorstellungen über eine „jüdische Weltverschwörung“ in mittelalterlichen Quellen aufmerksam.

Olaf Blaschke beleuchtet einmal mehr die Funktion des Antisemitismus im katholischen Milieu des deutschen Kaiserreichs. Hier sei die Judenfeindlichkeit zwar weit verbreitet, nicht aber das einzige und wichtigste Feindbild gewesen. Bevorzugt wurden die Juden in Zusammenhang mit anderen Feinden gesetzt, vor allem mit Liberalen, Kapitalisten, Protestanten, Altkatholiken, Freimaurern und Sozialisten. Etwas fragwürdig ist, Bedeutung und Konjunkturen des Antisemitismus sowie anderer Feinbilder mit dem Google Ngram-viewer zu messen. Mit der Berücksichtigung von 200 bis 600 Titeln pro Jahr kann das Tool schwerlich dem exponentiell wachsenden deutschen Buchmarkt des 19. Jahrhunderts gerecht werden.

Den aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus widmet sich der Beitrag von Monika Schwarz-Friesel. Sie hat verbalen Antisemitismus an Hand von Hass-Zuschriften an die israelische Botschaft und an den Zentralrat der Juden in Deutschland untersucht. Die Mehrheit der Zuschriften sei nicht durch eine linksextremistische, rechtsextremistische oder islamistische Gesinnung motiviert. Vielmehr nehmen die Schreiber den Nahostkonflikt zum Anlass, gegen Israel gerichtete Hasstiraden zu artikulieren.
Schwarz-Friesels Semantikanalyse macht deutlich, dass es hier nicht um entgleiste Israelkritik geht, sondern um die Suche nach einem sozial akzeptablen Surrogat für den klassischen Antisemitismus. Die These, dass sich der Antisemitismus durch die Transformation in den Antiisraelismus von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft verschoben habe (S. 192), stützt sich allerdings auf das allzu simple politikwissenschaftliche Konstrukt von der breiten Mitte und den schmalen radikalen Rändern.
Zum einen wäre zu fragen, ob die Selbsteinschätzung der Schreiber überhaupt zutrifft oder ob sich dahinter nicht eine rhetorische Strategie verbirgt, um sich Gehör zu verschaffen. Zum anderen belegen alle Studien der letzten Jahrzehnte, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung den liberalen gesellschaftspolitischen Konsens von Medien und Politik nicht mitträgt. Welchen Sinn macht es vom Antisemitismus der Mitte zu sprechen, wenn es die „Mitte“ in gesellschaftspolitischen Fragen gar nicht gibt?

Eine international vergleichende Perspektive ermöglichen die Aufsätze über Litauen und Frankreich. Christoph Diekmann erkennt im aufkommenden Nationalismus die Haupttriebfeder des litauischen Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. Zwar waren Polen und Russen als Fremdherrscher und Besatzer die eigentlichen Feinde. Doch weil man auf das Dritte Reich als Garanten der nationalen Eigenständigkeit setzte, gewann dessen extremer Weltanschauungsantisemitismus auch für die litauischen Nationalisten an Bedeutung bis hin zu Pogromen, die quasi im vorauseilenden Gehorsam durchgeführt wurden.

Andrew Hussey widerspricht der These, dass durch islamische Zuwanderer ein neuer Antisemitismus nach Frankreich importiert worden sei. Vielmehr habe es in den nordafrikanischen und arabischen Kolonien schon im 19. Jahrhundert ein antisemitisches Bündnis zwischen nationalistischen Kolonialherren und muslimischen Kolonisierten gegeben. Die frankreichhassenden Islamisten und die islamfeindliche Rechte haben – so paradox dies erscheint – eine gemeinsame Vergangenheit. Yasemin Shooman plädiert dafür, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zum Gegenstand der Rassismusforschung zu machen. Juden und Muslime seinen gleichermaßen von der Rassifizierung ihrer Religion und Kultur durch feindselige Milieus der Mehrheitsgesellschaften betroffen. Rassismus erschöpfe sich nicht in der Zuschreibung bestimmter physischer Merkmale (z.B. der Hautfarbe). In der Tat ist in der Rassismusforschung, die sich mit ihrer Fixierung auf das Thema „Biopolitik“ in eine Sackgasse manövriert hat, ein kulturalistischer Paradigmenwechsel dringend erforderlich.

Thomas Graefe

Verlagsinformationen:

Wie verhält Antisemitismus sich zu anderen Formen gruppenbezogenen Hasses? Bisher hat man in der Forschung vor allem die Frage nach den Unterschieden und den Ähnlichkeiten derartiger Feindseligkeiten gestellt. Dieser Band geht dagegen - anhand von zahlreichen Beispielen aus der Geschichte wie aus der Gegenwart - der Frage nach, wie sich die verschiedenen Formen gruppenbezogenen Hasses aufeinander beziehen, wie sie einander rechtfertigen, wie sie miteinander agieren und welche Funktion dem Antisemitismus in diesen Interaktionen von Ressentiments zukommt.

© Campus Verlag

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Format
kartoniert
Seiten
197
Jahr
2015
Verlag
Campus Verlag
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