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Honnefelder, Ludger: Woher kommen wir?

Artikelnummer: 978-3-95832-107-6

Ursprünge der Moderne im Denken des Mittelalters.

Gewicht: 0.48 kg

Rezension:

Die mittelalterliche Philosophie ist nicht populär, und sie kann es auch nicht sein, schon der lateinischen Sprache wegen. Zusätzlich ist die Genauigkeit der Begriffsdefinitionen ein Hindernis, ebenso wie die Trockenheit der Gedankengänge; und schließlich ist es die Nähe zur Theologie, die viele Leser abschrecken wird. Dabei kann man aus den Schriften der großen Meister vieles lernen, wie Philosophen späterer Zeiten immer wieder zeigen konnten. Für ein Buch, das den Leser in die Gedankengänge der Scholastik einführt, wird man deshalb dankbar sein.
Ludger Honnefelder aber, einer der besten Kenner dieser Epoche, will noch mehr: Wie 1923 Heinz Heimsoeth in seinem Klassiker „Die sechs großen Themen der abendländischen Metaphysik“ will er zeigen, in welcher Weise die Philosophie der Neuzeit aus der Scholastik hervorging. Keinesfalls sei der Graben zwischen Mittelalter und Neuzeit wirklich so tief wie oftmals dargestellt. Honnefelder behandelt die Philosophie seit der Spätantike bis zur beginnenden Neuzeit in fünfzehn Kapiteln, beginnt also mit der Patristik (Theologie und Philosophie der Kirchenväter) und nähert sich dann allmählich der Neuzeit, ohne sich sklavisch an den zeitlichen Ablauf zu halten. Denn die chronologische Gliederung wird ergänzt durch eine thematische.
Im ersten Teil behandelt er die Themen der klassischen Metaphysik, um dann zu Ethik und Geschichtsphilosophie überzugehen. Das bedeutet, dass zum Ende hin weniger Aristoteles als vielmehr „De civitate Dei“ (Über den Gottesstaat) von Augustinus wichtig wird, dessen Bedeutung er bis hin zu Karl Löwith und Hans Blumenberg verfolgt.
Wesentlich für die scholastische Philosophie war die Wiederentdeckung der aristotelischen Schriften. Dass diese Werke auf dem Umweg über arabische Philosophen den Weg nach Europa fanden, wird aber nur beiläufig behandelt. Vielmehr interessiert sich Honnefelder für den Begriff von Wisssenschaft, wie er sich in der Scholastik insbesondere im Ausgang von der „Metaphysik“ und der „Nikomachischen Ethik“ entwickelte. Besonders ins Zentrum der Darstellung gehören dabei Albertus Magnus, der mit einer detaillierten Aristoteles-Interpretation „gewissermaßen die Philosophie aufs Neue“ erschafft, sowie Johannes Duns Scotus, von dem er zu zeigen versucht, dass er sich nicht auf einen bloßen Voluntarismus reduzieren lässt.
Aber vor allem ist es die Vielfalt der Fragestellungen und Methoden, die von Honnefelder der Scholastik unterstellt werden. Im Grunde wird während des gesamten Buches die anti-monistische Ausrichtung der von Aristoteles ausgehenden Philosophie betont, und das scheint auch der Punkt, warum die Scholastik für uns heute so wichtig sein muss. Die Mehrheit der Zugänge und Probleme, so zeigt Honnefelder, „erweist sich als eine Verschiedenheit von Fragestellungen, die von der Sache her notwendig aufeinander verweisen, sich aber nicht in eine übergreifende Frage aufheben lassen.“ Im Mittelalter wurde die Ontologie konzipiert, also die systematische Frage nach den verschiedenen Seinsweisen, denen wir begegnen und die uns bestimmen, sowie – daraus folgend – den verschiedenen Typen der Kausalität, die je ganz eigenen, zuerst wiederum von Aristoteles klassifizierten, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.
Eine Philosophiegeschichte, die einfach nur die verschiedenen Positionen aneinanderreiht, ist vielleicht kein ganz sinnloses Unterfangen, denn man könnte sie ja immer noch als Nachschlagewerk benutzen, aber besonders hilfreich wäre sie auch nicht. Honnefelder macht etwas anderes: Dem Beispiel großer Philosophiehistoriker wie Ernst Cassirer oder Heinz Heimsoeth folgend, stellt er nicht allein die Argumentation eines Werkes oder eines Denkers dar, sondern arbeitet vor allem seine Problemstellung heraus. Im Anschluss daran wird gezeigt, warum die Antwort vielleicht weiterführte, aber doch nicht ganz genügte – die nächste Frage- und Problemstellung wird aufgefächert, so dass sich im Fortgang von Position zu Position und einer immer genaueren Fassung des Problems eine innere Logik des Fragens und Forschens enthüllt.

Dieses Buch zielt ganz gewiss nicht auf das breite Publikum, sondern auf ein Fachpublikum, wahrscheinlich besonders auf Philosophie- und Theologie-Studenten; um Popularität bemüht sich Honnefelder jedenfalls an keiner Stelle, auch wenn er sich nur selten in einem Fachjargon verliert. Aber er zitiert sehr viel (meist aus dem Lateinischen, aber auch auf Englisch und Französisch) und oft, ohne zu übersetzen; und auch seine zahlreichen Abkürzungen machen die Lektüre nicht leichter. Es gibt Stellen, an denen er fast meisterhaft formuliert, energisch und deutlich auf den Punkt; aber es finden sich auch jede Menge Satzungetüme mit einer Vielzahl von Gedankenstrichen, welche die Lektüre nicht eben erleichtern.
Das Buch wird als „1. Auflage 2017“ annonciert, aber das ist die Unwahrheit, denn es erschien bereits 2008 in unveränderter Form in einem anderen Verlag, von dem nicht allein der Text, sondern auch der Satzspiegel übernommen wurde – inklusive Druckfehler.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Nach landläufiger Meinung ist das Mittelalter ein Museum vergangener Lebensformen, eine Zwischenzeit, gegen deren Widerstand die Neuzeit Humanismus und Aufklärung durchsetzen musste. Der vorliegende Band stellt die Frage nach den Ursprüngen der Moderne und damit unseres eigenen Selbstverständnisses, insbesondere in Bezug auf das, was wir Mittelalter nennen, also grob gesagt auf jene tausend Jahre von 500 bis 1500, die die europäisch-westliche Moderne mit der Antike verbindet. Von Kunst und Kultur dieser Epoche ist uns vieles bekannt, doch die Geschichte des Denkens, das die Epoche bestimmt, kennen nur wenige Fachleute.
Der genaue Blick der Forschung zeigt, dass der »Ursprung der Moderne« gerade auf dem Höhepunkt des Mittelalters greifbar wurde. Denn der lateinische Westen stößt auf die vollständige aristotelische Philosophie und die hoch entwickelte arabische Wissenschaft. Vor dem Hintergrund eines weltgeschichtlich singulären Austauschs der Kulturen kommen neue Themen auf die Tagesordnung: Freiheit und Kontingenz, Natur und Geschichte. Es entsteht die Verbindung des abrahamitischen Gottesglaubens und der griechischen Philosophie, die für Europa und den Westen prägend wird und die Moderne entstehen lässt.

© Velbrück Verlag

weitere Titel des Autors

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Format
kartoniert
Seiten
380
Jahr
2017
Verlag
Velbrück Verlag
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