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Mann, Charles C.: Amerika vor Kolumbus

Artikelnummer: 978-3-498-04536-4

Wir haben ein falsches Bild vom Leben auf dem amerikanischen Kontinent vor 1491

Rezension:

Zwischen den Jahren ritt wieder einmal Winnetou an der Seite seines weißen Bruders Charlie über die Prärie, aber man braucht gar nicht Karl May heranzuziehen, um unser Indianerbild in Frage zu stellen. Andere Darstellungen sind kaum realistischer, und man weiß das schon seit langem – aber weiß man allein deshalb, wie es wirklich war? Immerhin, ab sofort kann man die deutsche Übertragung von „1491“ des amerikanischen Autors Charles C. Mann lesen und sich über das wundern, was man nicht nur nicht wusste, sondern wahrscheinlich niemals für möglich hielt. Alles war ganz anders.

Es ist ein Riesenstoff, den ein Historiker des Amerika vor Kolumbus zu bewältigen hat, denn die Geschichte der großen Andenkulturen oder der mittelamerikanischen Reiche unterscheidet sich mehr als deutlich von den Prärie- oder Waldindianern Nordamerikas und den Stämmen Amazoniens oder den Bootsindianern Feuerlands. Wie will man da auf einen Nenner kommen? Es ist fast unmöglich und Mann hat es auch nicht wirklich geschafft, ohne dass man ihm daraus einen Vorwurf machen könnte.

Manns Verfahren besteht zunächst darin, die Zeit vor Kolumbus dadurch zu erzählen, dass er den spanischen und englischen Eroberern folgt und von deren Entdeckungen und Eindrücken erzählt, und später berichtet er dem Leser die Ergebnisse der modernen Archäologie, die nur selten eindeutig sind und oft nur erahnen lassen, was wir alles nicht wissen. Was wir bei einem solchen Verfahren nicht erwarten dürfen, ist eine gesicherte Chronologie mit einer Abfolge von Reichen und Herrschern mit Namen und Gesicht, aber das ist auch nicht das eigentlich Wichtige. Viel interessanter und bedeutender scheint das, was wir über Kultur und Religion, über Landwirtschaft und Küche erfahren.

Auf jeden Fall gilt: Es war wirklich alles anders. Zunächst besaß Amerika viel mehr Einwohner, als man das lange gedacht hat, denn obwohl man wusste, wie schrecklich europäische Krankheiten gewütet haben, hat man diese Seuchen immer noch unterschätzt. Aber in manchen Teilen Amerikas fielen die Menschen zu mehr als neunzig Prozent Seuchen wie den Pocken oder der Grippe zum Opfer – und die Krankheiten zerstörten die Ansiedlungen oft schon vor dem Eintreffen der Europäer, weil indianische Händler oder Boten sie von Stadt zu Stadt trugen. Auch Schweine, die von Spaniern als Proviant mitgeführt wurden, spielten eine fatale Rolle und übertrugen Krankheiten. Indianer besaßen keine Resistenzen, weil keiner von ihnen zuvor einer dieser Seuchen begegnet war, und außerdem war ihre Immunabwehr aus genetischen Gründen den europäischen Krankheiten gegenüber nur bedingt abwehrbereit. So starben sie wie die Fliegen, obwohl sie in ihrer Mehrheit viel gesünder und dazu besser ernährt waren als die Europäer.

Aber nicht allein, dass Amerika viel dichter besiedelt war, als man lange geglaubt hat, sondern viele Amerikaner – auch im Norden! – lebten in Städten, nicht etwa nur in Zeltbehausungen oder kleinen Dörfern. Das Tal des Mississippi zum Beispiel war dicht besiedelt, eine Stadt reihte sich an die andere, und noch sensationeller muss es sein, dass selbst das Amazonasbecken ganzen Völkerschaften Heimat gewesen ist – auch dort fanden sich Städte und unzählige blühende Dörfer. Die berühmten Yanomami zum Beispiel lebten vor der Ankunft der Europäer in Dörfern und fielen erst später in den Status von Wildbeutern zurück. Es ist also keinesfalls ein urtümliches Menschentum, denen man in diesen Menschen begegnet

Man kann gar nicht abschätzen, was der Menschheit mit der Vernichtung der amerikanischen Kulturen verloren ging. Mann zeigt einige Beispiel der Vermischung europäischer und amerikanischer Kunst und fährt dann fort: „Nun stelle man sich vor, dieses fruchtbare Hin und Her hätte hundertfach mit hundert Kulturen stattgefunden und welche Gaben vier Jahrhunderte des intellektuellen Austauschs uns beschert hätten. Etwas Wertvolleres lässt sich kaum ausmalen.“ Das ist wohl wahr: Die Verluste sind ungeheuer, und sie sind unwiederbringlich.

Die amerikanische Ausgabe dieses Buchs war nicht allein sehr erfolgreich, sondern wurde und wird auch angefeindet. Das hängt vor allem mit den Passagen zusammen, in denen der Autor die Natur beider Amerikas darstellt. Zunächst zeigt er für Nordamerika, dass es den Indianern gelungen war, weite Ebenen in eine Art Garten zu verwandeln – vor allem geschah dies durch das regelmäßige Abbrennen von Gestrüpp und Unterholz – und dass es die Millionen von Bisons, die durch die Prärien zogen, vor der Ankunft der Europäer gar nicht gegeben hat: Diese Riesenherden waren nicht etwa Ausdruck einer gesunden Natur, sondern ganz im Gegenteil ein Zeichen dafür, dass sie bereits aus dem Gleichgewicht geraten war, weil der Mensch nicht mehr pflegend eingriff.

Heftig umstritten ist Manns Darstellung der Natur des Amazonasbeckens, denn wenn er recht hat, gibt es den Urwald noch gar nicht so lange: er ist ebenso eine Folge der europäischen Einwanderung. Auch am Amazonas gab es blühende Kulturen, fanden sich Städte und Dörfer und wurde erfolgreich Landwirtschaft betrieben, weil die Erde dieses Gebietes nicht auf jeden Fall nährstoffarm ist, wie immer wieder behauptet wird, sondern sich für Gartenbau und Landwirtschaft eignet.

Mann schließt sich manchen Archäologen an und versucht zu zeigen, dass der Amazonas-Urwald menschengemacht ist und über lange, lange Zeit erfolgreich bewirtschaftet wurde. Denn warum kann man noch heute durch den Urwald gehen und Obst von den Bäumen genießen? „Der Grund ist, dass Menschen die Bäume gepflanzt haben. Man spaziert durch alte Obstgärten.“ Dieser Urwald wäre dann also gar keine Wildnis, sondern ein riesiger verwilderter Garten, dessen Boden auch heute noch an vielen Stellen mit Keramikscherben durchsetzt ist. „Landschaft“, schreibt Mann deshalb, „ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen.“ In Amerika schuf der Mensch die Natur!

Vielleicht ist es also so, dass in diesem Buch das Klischee des im Einklang mit der Natur lebenden Indianers durch ein anderes Klischee ersetzt wird, das ihn zum Gärtner macht, der mit der Natur viel pfleglicher und schonender umging als es die Europäer damals taten und die Menschheit heute tut. Trotzdem sind viele Hinweise sehr ernst zu nehmen. So scheint es am Amazonas gelungen zu sein, die unfruchtbare, nährstoffarme Erde in wertvolle schwarze Indianererde zu verwandeln, in „terra preta do Índio“ – nur weiß man bis heute nicht, wie das den Indianern gelungen ist. Man vermutet, dass die Hinzufügung von Holzkohle ein Aspekt dieser Verbesserung war, aber das allein kann ihre Fruchtbarkeit noch nicht erklären.

Das Buch von Charles C. Mann ist großartig, weil es einen ganzen Kontinent in ein anderes Licht stellt, und man mag gar nicht aufhören zu lesen, so interessant ist es. Das fast 80 Seiten umfassende Literaturverzeichnis deutet an, wie seriös der Autor gearbeitet hat, und weil neben der anschaulichen und farbigen Darstellung auch die ruhige und klare Sprache überzeugt, kann man das Buch vorbehaltlos empfehlen. Ich mochte es gar nicht mehr aus der Hand legen.

Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Charles C. Mann schreibt die Geschichte des vorkolumbischen Amerikas. Er macht deutlich, dass die indianischen Kulturen oftmals weiter entwickelt waren als die europäische. Ihre Boote waren schneller und wendiger als die der Europäer, ihre Städte größer als das damalige Paris. Kolumbus‘ Ankunft in Amerika veränderte den Kontinent fundamental. Zwei Zivilisationen trafen aufeinander, deren Historie und Kultur unterschiedlicher nicht hätten sein können, und für die Ureinwohner war die Begegnung folgenschwer: Die Masern-, Pocken- und die Grippeviren, welche die Europäer einschleppten, rafften einen Großteil von ihnen dahin, Kriege entmachteten sie. Mann lässt das vorkolumbische Amerika aufleben. Er gewährt uns überraschende Einblicke in die Lebensweise der Ureinwohner und zeigt, wie noch heute ihre Mais-, Kürbis- und Kartoffelanbauflächen weite Teile des Kontinents prägen. «Amerika vor Kolumbus» ist ein wichtiges, mitreißend erzähltes Buch.

«Die Indianer waren keine nomadischen, ökologisch vorbildlichen Menschen, die zu Pferde Büffel jagten. Sie erbauten und bevölkerten einige der größten und reichsten Städte der Welt. Keineswegs abhängig von der Großwildjagd, lebten die meisten Indianer auf Farmen. Amerika war unermesslich geschäftiger, mannigfaltiger und dichter bevölkert, als es sich die Forscher früher vorgestellt hatten. Und älter war es auch.»

Das Buch wurde von der National Academy of Sciences als bestes Buch des Jahres ausgezeichnet.

© Rowohlt Verlag

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Format
gebunden
Seiten
720
Jahr
2016
Verlag
Rowohlt
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