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Die Habsburger

Artikelnummer: 978-3-406-70653-0

Eine Abhandlung über die Habsburger und ihre Zeit

Rezension:

Der Historiker Pieter Judson bietet eine lesenswerte Gesamtdarstellung der Geschichte der Habsburgermonarchie zwischen 1740 und 1918. Dabei stellt er weniger die Politikgeschichte oder gar die Dynastie in den Mittelpunkt, sondern blickt auf die gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung dieses äußerst heterogenen Staatswesens.

Judsons Buch solle aber nicht nur als eine nüchterne und kompetente Darstellung der historischen Fakten gelesen werden. Im Mittelpunkt steht die Wiederlegung von zwei Thesen, die die Forschung zur Habsburgermonarchie lange Zeit dominierten.
Erstens geht es um die vermeintliche Rückständigkeit. Seit der Zeit Metternichs sei die politische und wirtschaftliche Entwicklung von staatlicher Seite eher behindert als gefördert worden. Die Donaumonarchie sei quasi mit angezogener Handbremse in die Moderne hinein gefahren. Judson verweist hingegen auf Wachstum von Handel, Industrie und urbanen Zentren in einem der größten Binnenwirtschaftsräume Europas. Auch die Zensur sei weniger effektiv gewesen als angenommen. Bedeutender seien regionale Ungleichzeitigkeiten zwischen der Ost- und Westhälfte des Reiches gewesen. Zweitens geht es um die Identitätsfrage des Reiches. Hier ist die Mehrheit der Historiker nach wie vor der Ansicht, dass der Vielvölkerstaat der Habsburger spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Auslaufmodell gewesen sei. Identitätsstiftend seien nunmehr die irridentischen Nationalbewegungen gewesen, deren Zentrifugalkräfte vom Reich nicht mehr kompensiert werden konnten. Judson hält dagegen, dass sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr wohl ein Reichsbewusstsein ausgebildet habe. Weder die Revolution von 1848 noch die Krise von 1866 vermochten das Habsburgerreich zu sprengen. Auch in der Folgezeit hätten die Nationalbewegungen eher Autonomiekonzepte vertreten als die Auflösung des Reiches angestrebt. Gerade die Unterschichten hätten das Reich als Schutzmacht gegen die regionalen Eliten betrachtet.
Mit dem Blick auf die Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte gelingt es Judson in der Tat, zu zeigen, dass es durchaus Gegengewichte zu den innen- und außenpolitischen Zentrifugalkräften gab. Seine These, die Habsburgermonarchie hätte auch den Ersten Weltkrieg bei einer günstigeren militärischen Entwicklung überleben können, ist allerdings spekulativ. In der Relativierung der Nationalismen schießt Judson zuweilen über das Ziel hinaus. Der unverdiente Ruf der Habsburgermonarchie als „Völkergefängnis“ ist gewiss revisionsbedürftig. Angesichts der ethnischen Heterogenität der Territorien erwies sich die nationalstaatliche Neuordnung Ostmitteleuropas nach dem Ersten Weltkrieg als die schlechtere Alternative. Die Sprengkraft des ethnischen Nationalismus, die heute die Europäische Union gerade aus östlicher Richtung zu spüren bekommt, lässt sich aber nicht einfach mit der Konstruktion eines Gegenmythos von Österreich-Ungarn als „multikulturellem Musterstaat“ beheben.

Mit 40 Abbildungen und 7 Karten ist das Buch reich illustriert, wobei man allerdings Tabellen zur Bevölkerungsstatistik vermisst. Für Historiker wird es sich schnell zum Standardwerk entwickeln, und insbesondere die Thesen vom Reichsbewusstsein bieten vielversprechende neue Ansatzpunkte für die Forschung. Die Kompaktheit der Darstellung und die literarische Qualität machen das Buch aber auch für breitere Leserkreise attraktiv.

© Thomas Gräfe

Verlagsinformationen:

"Unser Reich": So nannten Menschen unterschiedlicher Sprachen und Religionen von Südtirol über Mähren bis Galizien und Transsilvanien das Habsburgerreich. Pieter Judson erzählt in seiner meisterhaften Gesamtdarstellung die Geschichte der Donaumonarchie und der Österreichisch- Ungarischen Doppelmonarchie ganz neu und revidiert gründlich das vertraute Bild vom verknöcherten "Vielvölkerreich". Als zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Erblande der Habsburger unteilbar wurden, war damit der Grundstein für eines der mächtigsten europäischen Reiche gelegt. Pieter Judson erzählt die Geschichte dieses Imperiums chronologisch vom 18. Jahrhundert bis zu dessen Auflösung am Ende des Ersten Weltkriegs. Dabei berücksichtigt er neben der politischen Geschichte immer auch den Alltag der Menschen an der Peripherie. So gerät eine Gesellschaft in den Blick, die zwar vielsprachig war, aber erst im Laufe des nationalistischen 19. Jahrhunderts "Völker" voneinander abgrenzte. Deren territoriale Geschlossenheit war jedoch eine Illusion: Als Europas zweitgrößter Staat 1918 zerbrach, waren die Nachfolgestaaten ihrerseits kleine "Vielvölkerreiche" Pieter Judsons eindrucksvolle Geschichte lässt das Kaiserreich der Habsburger in erfrischend neuem Licht erscheinen.

© C. H Verlag

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Leseprobe
Format
gebunden mit Schutzumschlag
Seiten
667
Jahr
2017
Verlag
C. H. Beck
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