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Roeg, Ben: Große Frauen - Portraits der kreativen Persönlichkeit

Artikelnummer: 978-3-943195-14-9

Literarisch-biografische Miniaturen

Rezension:

Kreativität bedeutet Unabhängigkeit von der Gesellschaft: Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Konventionen und Stereotypen, von vorgegebenen Rollen und der üblichen Sozialisationsstruktur. Diese Unabhängigkeit verdeutlichen die Frauen-Portraits in Ben Roegs literarisch-biografischem Sachbuch auf mehreren Ebenen.

Da ist zunächst einmal die direkte Botschaft in Bezug auf die kreative Persönlichkeitsstruktur. Die besteht darin, dass von der gesellschaftlichen Sozialisation bestimmte Rollen und Eigenschaften stereotyp als gegensätzlich vorgegeben werden und Kreative diese Vorgabe überwinden, indem sie solche psychologisch unnötigen, beschränkenden Gegensätze in sich vereinen. Das sattsam bekannte, aber immer noch relevante Beispiel ist die Kontrastierung von Weiblichkeit und Männlichkeit, deren Überwindung im vorliegenden Band nicht für die diesbezüglich fast stereotyp angeführte George Sand beschrieben wird, sondern für die amerikanische SF-Autorin Alice B. Scheldon. Die unter dem Pseudonym James Tiptree, Jr. publiziert hat und nicht nur wegen dieses Namens, sondern vor allem wegen ihres Hemmingway-artig ‚harten‘ Stils und den illusionslos-pessimistischen Inhalten ihrer Geschichten mit Nachdruck als männlicher Autor klassifiziert worden ist, gerade auch von männlichen Literaturkritikern. Aber der Band bietet (bei 20 literarisch-biografischen Miniaturen) noch weitere (19) Beispiele von kreativen Eigenschaftsverbindungen. So zum Beispiel bei der auf diese Weise ‚frei‘ gewordenen George Sand die Verbindung von Sinnlichkeit und Sittlichkeit, die ganz im Gegensatz zum Stereotyp der ‚männermordenden‘ femme fatale nachweist, dass hinter der Absage an die gesellschaftlichen Moral-Konventionen die ethisch reflektierte Suche nach umfassender Liebe, auch und gerade in Form eines sozio-politischen Engagements, steht.

Von solchen kreativ-konstruktiven Verbindungen nur scheinbar gegensätzlicher Persönlichkeitseigenschaften werden also weitere interessante Beispiele literarisch-biografisch vorgestellt, für die die ausgewählten Frauen wahrlich als Paradigma gelten können. Zumindest ist es mir so ergangen, z.B. bei der Verbindung von ‚Melancholie – Heiterkeit‘, ‚Gefühlsüberschwang – Beziehungstiefe‘, ‚Rationalität – Emotionalität‘ (etc.). Die literarisch-biografische Darstellung vollzieht sich dabei immer in einem Dreischritt, der zunächst eine besonders aussagekräftige Lebenssituation für die eine, dann für die andere Eigenschaft und schließlich für die Verbindung beider anführt. Diese Situationen werden (zumeist) aus der Innensicht der Protagonistinnen beschrieben, und das heißt: als fiktive Veranschaulichung des überlieferten historischen Faktums. Dadurch werden die historischen Daten emotional lebendig, ziehen in den Bann des Miterlebens. Besonders intensiv ist diese Wirkung dadurch, dass in den Lebensläufen aus dem 20. Jahrhundert unvermeidlich auch die beiden Weltkriege bzw. der Nationalsozialismus eine Rolle spielen. Bei Else Lasker-Schüler ist es der erste Weltkrieg, in dem ihr ‚liebster bester Dichter‘ Georg Trakl Suizid begangen hat. Die antisemitischen Ausfälle von Trakls Schwester gegenüber E. L-Sch. haben zunächst ihr Gefühl völlig betäubt, doch ihre Beziehungstiefe hat diese Betäubung dann schließlich doch überwunden, so dass sie ihm ein kleines, aber ergreifendes Epitaph widmen konnte. Mascha Kaléko ist noch über ein Jahrzehnt nach Kriegsende vom Nationalsozialismus, dem sie nach Amerika entflohen war, eingeholt worden, als sie den ihr zuerkannten Fontane-Preis ablehnen musste, weil der Jury-Vorsitzende ein SS-Mitglied gewesen war…
Diese Konsequenz, mit der sie bestimmte Dinge nicht auf die ‚leichte (heitere), sondern auf die schwerere Schulter‘ genommen hat, ist für mich ein bewundernswertes Vorbild. Ebenso wie die Verbindung von Rationalität und Emotionalität, mit der Sophie Scholl versucht hat, auf das Kriegsende hinzuarbeiten, in Mitgefühl für die deutschen wie russischen Soldaten! Und das ist die letzte, indirekte, Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Stereotypen, die in diesen literarisch-biografischen Miniaturen realisiert wird: dass Frauen als Vorbild für die Entwicklung einer kreativen Persönlichkeitsstruktur vorgestellt werden. Als durch und durch faszinierende Vorbilder dafür, wie gesellschafts-kritisches Denken mit human-konstruktivem Fühlen und Handeln Hand in Hand geht!

© Brigitte Scheele

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Format
kartoniert
Seiten
212
Jahr
2015
Verlag
Custos Verlag
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