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Goertz, Hans-Jürgen: Thomas Müntzer - Revolutionär am Ende der Zeiten

Artikelnummer: 978-3-406-68163-9

Eine Biographie Thomas Müntzers

Gewicht: 583 kg

Rezension:

Im nächsten Jahr wird das Jubliäum von Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg in wahrscheinlich ausschweifendster und nervtötendster Weise gefeiert werden, aber es gab noch andere Reformatoren als den sprachmächtigen Bibelübersetzer, und es gab auch noch andere Konzepte als das seine. Eine der eindrucksvollsten und wohl auch verkanntesten Gestalten einer wild bewegten Epoche war Thomas Müntzer, dessen sehr empfehlenswerte Biografie nun von Hans-Jürgen Goertz vorgelegt wird. Goertz, der selbst Mennonit ist und jahrzehntelang über Müntzer forschte, dürfte einer der renommiertesten Historiker der Reformationszeit und ihrer theologischen Aspekte überhaupt sein, eine wirkliche Autorität und sein Wort besitzt Gewicht.

Sehr viel weiß man nicht über das Leben von Thomas Müntzer. Wahrscheinlich 1489 in Stolberg im Südharz geboren, wurde der bedeutende Mann ganze 36 Jahre alt, denn nur kurze Zeit nach der verlorenen Regenbogenschlacht der thüringischen Bauern gegen den Adel wurde er nach grausamer Folter hingerichtet. Seine letzten Lebensjahre können ganz gut, wenngleich nicht lückenlos, rekonstruiert werden, aber besonders die ersten beiden Jahrzehnte lassen viele Fragen offen, die sicherlich niemals beantwortet werden können. Es fehlen schlicht die Quellen.
Es ist die Biografie eines Seelsorgers und Theologen von einem theologisch vorgebildeten Historiker, und so legt dieses Buch immer wieder entschiedenen Wert auf die Darstellung von Müntzers religiösen Ansichten, die unter anderem in den Schriften Johannes Taulers (1300 – 1361) gründeten. Der Untertitel des Buches ist deshalb etwas fragwürdig, denn zu den Thesen des Autors gehört es, dass Thomas Müntzer erst in zweiter oder gar dritter Linie Apokalyptiker war – viel wichtiger sind seine Wurzeln in der Mystik. Obwohl hochgebildet und natürlich in den alten Sprachen beschlagen, betonte er jederzeit die Bedeutung der inneren Stimme – ja, diese war ihm viel wichtiger als die Kenntnis der Bibel und überstieg für ihn jederzeit die Bedeutung des Buchstabens. „Müntzer“, schreibt Goertz, setzte „auf die experientia fidei, die Erfahrung des Glaubens, in der die Autorität Gottes direkt und ohne Vermittlung der Schrift als Heilgrund wahrgenommen wird.“ Es ging Müntzer, schreibt Goertz ein wenig später, darum, „den Menschen dahin zu führen, wo der Geist Gottes ihn erfasst und ganz und gar erfüllt.“
Ein anderer wesentlicher Aspekt war sein Kampf gegen die katholischen Priester, gegen die Schriftgelehrten und auch und später sogar vor allem gegen die „von Wittenberg“ (also Luther und seine Anhänger) – sein antiklerikaler Impuls hat sein Handeln von Anfang an bestimmt. Erst der dritte, nach Ansicht von Goertz meist eher überschätzte Einfluss, war die spätmittelalterliche Apokalyptik, die in den ersten Jahrzehnten dieses extrem gewalttätigen Jahrhunderts Urstände im Denken der Menschen feierte. Viele wähnten sich am Ende aller Zeiten. Schließlich muss noch auf die Bedeutung hingewiesen werden, die Müntzer dem Leiden zusprach. Immer wieder äußerte er sich verächtlich über alle die Priester, die es sich bequem machten und der Passion aus dem Weg gingen. Er selbst dagegen nahm das Leiden ganz selbstverständlich auf sich, als er an der Spitze der Bauern und armen Leute gegen die Mächtigen kämpfte. Es war ein hoffnungsloser Kampf, in dem Ströme von Blut vergossen wurden und die fast wehrlosen Aufständischen von den ihnen weit überlegenen Adligen niedergemetzelt und abgeschlachtet wurden, wogegen der Adel nicht mehr als ganze sechs Mann verlor. Müntzer aber stand sein eigentliches Leiden erst noch bevor, denn er wurde nach der Schlacht gefangengenommen und tagelang unter der Folter verhört, bevor er geköpft und sein geschundener Leib ausgestellt wurde.

Es dürfte wohl kaum einen kompetenteren Müntzer-Biografen als Goertz geben. Sein Buch ist eine knappe, sachlich abwägende Zusammenfassung der Forschung zu diesem Thema. Manchmal ist es vielleicht sogar zu sachlich, denn die Sympathie, die den Autor zweifellos mit Müntzer verbindet, ist zwar immer zu spüren (ebenso wie seine Distanz gegenüber Luther), aber Goertz enthält sich jeder emotionalen, sogar jeder wirklich farbigen Schilderung der Zeit wie des Geschehens. Das Sittenbild einer wilden, grausamen und groben Zeit ist sein Buch nicht geworden; Atmosphäre erhält es eigentlich nur in den häufigen Zitaten, in denen in einer für unsere Ohren ganz unglaublich aggressiven, dabei oft unflätigen und beleidigenden Weise, polemisiert wird.
Luther, schreibt Goertz, „sorgte dafür, dass die Ängste und Sehnsüchte des Gegners, sein soziales Gewissen, seine Argumente und sein revolutionärer Protest in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen wurden. Die antirevolutionäre Haltung im deutschen Protestantismus hat eine apokalyptische Wurzel. Wer sie auf den realpolitischen Blick der Reformatoren zurückführt, wie es oft geschah, verkennt die dramatische, ins Kosmologisch-Endzeitliche gesteigerte Gegnerschaft zwischen Luther und Müntzer.“
Sicherlich nicht allein wegen der Quellenlage, sondern auch wegen der Interessen des Autors liegt das Schwergewicht nicht auf dem äußerlichen Leben des Thomas Müntzer oder auf der Kulturgeschichte des frühen 16. Jahrhunderts, sondern auf Religion und Theologie. Dieser Thematik sind auch die beiden letzten Kapitel gewidmet. In einem Überblick über die Literatur seit dem Tod Müntzers stellt Goertz die belletristische, dramatische und später vor allem wissenschaftliche Literatur dar, in der Müntzers Leben, seine Theologie und sein Scheitern gezeichnet werden.
Ganz am Ende kommt er schließlich auf Müntzers Bedeutung für die Theologie unserer Zeit zu sprechen. Man könnte dieses letzte Kapitel auch unabhängig von der vorausgegangenen Biografie als einen die Theologie Thomas Müntzers zusammenfassenden Essay lesen. Obwohl Goertz auf die Bedeutung für „die Theologie heute“ abzielt, ist er sich natürlich über unseren riesigen Abstand zu einem „Botenläufer“ oder „Knecht Gottes“ am Ausgang des Mittelalters im Klaren. Trotzdem ist dieses Kapitel das sehr überzeugende Plädoyer, sich nicht allein mit Müntzers Leben, sondern auch mit seinen religiösen Überzeugungen zu beschäftigen. Es ist der sehr gelungene Abschluss eines konzentrierten und nachdenklichen, äußerst lesenswerten Buches über einen großen Menschen – eine wichtige Stimme in der sonst unkritischen Luther-Lobhudelei.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Gott ist gerecht, und die Christen sind frei. Thomas Müntzer wollte diese Grundeinsichten der Reformation auch politisch durchsetzen. Dafür schloss er sich dem Aufstand der Bauern an, wurde gefoltert und hingerichtet. Hans- Jürgen Goertz erzählt das Leben dieses Revolutionärs, der das Reich Gottes ganz nahe wähnte. Seine meisterhafte Biographie erinnert an eine unterdrückte Strömung der Reformation, die bis heute virulent ist.
Mit seiner mystischen und apokalyptischen Theologie und der Devise „Alles gehört allen“ hat Thomas Müntzer über Jahrhunderte polarisiert. Der anfängliche Verehrer Martin Luthers wurde von diesem verachtet und angefeindet, in der Kirche wurde er totgeschwiegen. Die Anerkennung kam spät von anderer Seite: Friedrich Engels entdeckte den frühen Revolutionär, Heinrich Heine bewunderte den „heldenmütigsten und unglücklichsten Sohn des deutschen Vaterlandes“, Ernst Bloch verehrte den „Theologen der Revolution“, und die DDR versah ihre Fünf-Mark-Scheine mit Müntzers Konterfei. Jenseits der Kämpfe um Thomas Müntzer verortet Hans-Jürgen Goertz seine Theologie und sein Wirken in seiner Zeit und macht gerade dadurch deutlich, warum Müntzer bis heute die Gemüter erregt.

© C. H. Beck

weitere Titel des Autors

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Format
gebunden
Seiten
351
Jahr
2015
Verlag
C. H. Beck
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