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Brömsel, Sven: Exzentrik und Bürgertum

Artikelnummer: 978-3-943999-70-9

Die Bedeutung Houston Stewart Chamberlains in der Geschichte

Gewicht: 0.436 kg

Rezension:

Der Rassentheoretiker und Geschichtsphilosoph Houston Stewart Chamberlain (1855–1927) wird bis heute vor allem als Schwiegersohn Wagners und Vordenker des Nationalsozialismus wahrgenommen, wie jüngst wieder in einem Sammelband über die Bayreuther Weltanschauung. Das gerade erschienene Buch Sven Brömsels „Exzentrik und Bürgertum“ versucht dagegen mit einigen Missverständnissen dieser Art aufzuräumen und beleuchtet differenziert die vielschichtigen Beziehungen Chamberlains zu jüdischen Intellektuellen um 1900. Der Brite hatte – und das ist bislang weitgehend unbekannt – das geistige Klima seiner Zeit deutlich beeinflusst, und zwar auch jenseits antisemitischer Floskeln und Einstellungen, die damals in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kreisen weit verbreitet waren. Beispielsweise hatte sein Goethebuch maßgeblich auf die berühmten Monographien Georg Simmels und Friedrich Gundolfs gewirkt; Hugo von Hofmannsthal schrieb, dass es ihm ein „höchst bedeutendes Buch“ sei und Walter Benjamin bemerkte, dass es unter den „Darstellungen, die es mit Goethe als Vorbild zu tun haben, die bemerkenswerteste“ ist. Sein epochales Werk „ Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, das über dreißig Auflagen erlebte, hatten die einflussreichsten Intellektuellen der Zeit, unter ihnen Thomas Mann, Alber Schweitzer und Gerhart Hauptmann als wichtige Kulturgeschichte geschätzt, trotzdem es stark antijüdische Tendenzen aufweist, die zum Teil den umstrittenen Ruf Chamberlains bis heute bestimmen.

Brömsel stellt nun die persönlichen Kontakte und den geistigen Austausch zwischen dem Briten und jüdischen Feingeistern in das Zentrum seiner Betrachtungen, die sich erstaunlicherweise genauso für Werk wie für den Autor begeisterten.Karl Kraus beispielsweise war ein penibler Leser der „Grundlagen“; seine Faszination für Chamberlain ging soweit, dass er zwei Aufsätze von ihm in der „Fackel“ abdruckte. Ebenso warb der wohl wirkungsmächtigste Publizist des deutschen Kaiserreichs Maximilian Harden um den Autor für seine Wochenzeitschrift „Die Zukunft“ und der Religionsphilosoph Martin Buber für seine soziologische Reihe „Die Gesellschaft“. Brömsels essayistische Ausflüge, wie zu Walther Rathenau und Hermann Levi, geben Einblicke in das eigenwillige und feinsinnige Geflecht der Ideen- und Intellektuellengeschichte bis zum Ersten Weltkrieg. Tatsächlich wird in Chamberlains Schriften mit keinem Wortauf die physische Vernichtung der Juden angespielt und dieser in seiner Zeit nicht als Rassentheoretiker, sondern vielmehr als Kulturphilosoph wahrgenommen. Trotzdem war Chamberlain – und das soll unmissverständlich gesagt sein – ein antisemitischer Autor, der auf die Ideologie Hitlers gewirkt hat.

Auf der Rückseite von Brömsels Buch findet sich ein Briefausschnitt des Briten faksimiliert: „ Wir leben unter sehr dummen Menschen“. Dass er sich in den zwanziger Jahren vor den Propagandakarren der Nazis spannen ließ, war nicht nur wegen seiner Beziehungen zu jüdischen Intellektuellen dumm, sondern fatal. Der Band „Exzentrik und Bürgertum“ bietet diesbezüglich bisher wenig beachtete Hintergründe der Wiener und Bayreuther Kulturgeschichte um 1900 und stellt zugleich einen Beitrag zum Kernbereich deutsch-jüdischer Forschung dar.

© William Sonnenberg

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Format
kartoniert
Seiten
331
Jahr
2015
Verlag
Ripperger & Kremers
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