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la Bretonne, Rétif de / Kaiser, Reinhardt (Hrsg.): Das enthüllte Menschenherz

Artikelnummer: 978-3-86971-161-4

Autobiographie eines erfolglosen Autors und Erotomanen aus dem 18. Jh.

Gewicht: 0.94 kg

Rezension:

Das 18. Jahrhundert war die Blütezeit des Tagebuchs, in dem Menschen erstmals ihr Selbst erforschten und alle ihre geheimen Regungen aufschrieben – in aller Regel nur für sich. Zu einer öffentlichen Selbstentblößung kam es nur selten und wohl kaum jemals freiwillig. Immerhin, Jean-Jaques Rousseau ließ uns in seinen „Bekenntnissen“ tief in sein Inneres blicken, und es war auch wirklich der Anstoß für dieses Buch: so etwas wollte unser Autor, der Franzose Rétif de la Bretonne, auch schreiben und wegen der Intimität seiner eigenen Bekenntnisse lieber erst nach seinem Tod veröffentlichen.

Mit seinem Buch ist jetzt eines der offensten und skandalösesten aus der Reihe dieser Selbstentblößungen in einer außergewöhnlich schönen Edition in deutscher Übersetzung erschienen. Der extrem produktive, aber nur anfangs erfolgreiche Romanschriftsteller Rétif de La Bretonne (1734 – 1806) legt in diesem umfangreichen Buch – und trotz seines Umfangs ist es nur eine Auswahl, getroffen von dem Übersetzer – eine öffentliche Beichte von einer ungeheuren Intensität und Offenheit vor. Ursprünglich ging es ihm in seinen eigenen Worten darum, sich selbst „in Szene zu setzen“, aber tatsächlich führte die Niederschrift seiner Autobiografie dann zu einer „schmerzhaften Zergliederung“, in der er sich „gleichsam selbst“ seziert: „Ich werde rot bei diesen Geständnissen, aber sie müssen gemacht werden.“ Besonders merkwürdig – und wohl kein Grund für Scham – ist seine Schuhobsession, die in der Sexualwissenschaft sogar zu dem inzwischen nicht mehr geläufigen Fachbegriff „Retifismus“ geführt hat; in dem entsprechenden Wikipedia-Artikel findet sich auch ein Hinweis auf unseren Autor.

Sich zu schämen hat Monsieur Nicholas wirklich allen Grund, denn seine Lebensgeschichte ist die eines allmählichen moralischen Zerfalls. Schon als ganz junger Mensch steht er unter dem Bann seiner großen Sinnlichkeit und als alter Mensch, fast ganz am Ende des Buches, schreibt er resümierend, dass „die Quelle der Herzenszärtlichkeit in den Organen der körperlichen Liebe liegt.“ Doch ist er anfangs immer wieder ernsthaft verliebt, nimmt also Frauen und Mädchen – auch sehr, sehr junge Mädchen – nicht nur als Sexualobjekte, sondern durchaus als Persönlichkeiten wahr; aber er rutscht, so seine eigene schonungslose Analyse, schon als Halbwüchsiger immer weiter ab, um endlich als ungefähr Zwanzigjähriger von sich selbst zu sagen: „Ein wenig Ehrgefühl hatte ich noch. Vielleicht war dies der letzte Tag meines Lebens, an dem ich dieses Ehrgefühl noch verspürte.“
Immer wieder schildert er sich als Erotomanen (mit einem Ausdruck seiner eigenen Zeit – unsere Zeit kennt da ganz andere Vokabeln), der Mädchen und Frauen geradezu anfällt und überwältigt. In seiner Schilderung hört es sich so an, als ob es seinen Opfern nach einer gewissen Gegenwehr sehr gut gefallen habe, aber für mich klingt es mehr als nur einmal nach einer Vergewaltigung. Dazu kommen inzestuöse Verbindungen. Er behauptet, von seiner Vaterschaft erst später erfahren zu haben, aber erstens ist angesichts des großen Altersunterschiedes eine Beziehung zu einem jungen Mädchen ohnehin fragwürdig, zweitens aber deutet das Nachwort den Verdacht an, dass er schon wusste, was er wem antat.
Monsieur Nicholas, wie er sich selbst nennt, lernt Drucker und ist, obwohl er niemals die Universität besucht, nicht allein ein wacher und intelligenter, sondern auch ein sehr gebildeter Mensch, der schon als junger Mann die Werke der klassischen Antike ins Französische übersetzt, um seine Sprachkenntnisse zu üben. Später wird er mit mäßigem Erfolg viele, viele Bücher schreiben und diese ja auch selbst setzen und drucken.
Die beiden letzten Kapitel berichten in stark gekürzter Form von dieser Epoche seines Lebens, die er als Autor in Paris verbringt und in der er mehr und mehr in eine schreckliche Armut abrutscht. Seine Larmoyanz allerdings schwächt den Eindruck, den die Schicksalsschläge vielleicht sonst auf den Leser ausüben würden. Seine Frau ist dermaßen schlecht, er selbst dermaßen unschuldig, dass der Leser dann doch etwas misstrauisch wird.

Nicolas‘ Lebensgeschichte, die eigentlich eine Lebensbeichte ist, ist weniger wegen seiner meist unerquicklichen Frauengeschichten lesenswert als vielmehr wegen seiner Selbstbespiegelung. Dazu kommen die lehrreichen, detaillierten und lebendigen Einblicke in das tägliche Leben des 18. Jahrhunderts. Man erfährt vieles darüber, wie es in einem Handwerksbetrieb, auf der Straße oder in einem Mietshaus zuging, wie man kochte und was man aß, wie man heiratete oder reiste, und so erhält der Leser ein sehr farbiges Bild einer fernen Zeit, zu der sogar noch das Leben in einem Gefängnis zählt.
Schließlich muss der gute und informative Kommentar erwähnt werden, der sich besonders bei der Übersetzung fremdsprachiger Zitate bewährt. Wenn der Autor sehr deutlich werden wollte, dann drückte er sich auf Latein aus. Den Band beschließt ein ausführliches Nachwort des Übersetzers, und zwei Lesebändchen machen das Glück des Lesers vollkommen. Vielleicht kein sympathischer Autor, aber allemal ein sehr gutes Buch.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Der Knausgård des 18. Jahrhunderts – Rétif de la Bretonne. Reinhard Kaiser entdeckt für uns eines der schonungslosesten und großartigsten Memoirenwerke der Weltliteratur.

Es ist ein ungeheures Unterfangen, das Rétif de la Bretonne in der Vorrede seines Buches ankündigt: »Ich gehe daran, Ihnen hier das ganze Leben eines Ihrer Mitmenschen vorzulegen, ohne etwas zu verschleiern, weder von seinen Gedanken, noch von seinen Taten. Der Mensch, dessen Seele ich hier anatomieren werde, konnte allerdings kein anderer sein als ich selbst.«

Und er macht ernst – völlig ungeschminkt erzählt er alles, was ihn einst bewegte, alles, was er tat, und alles, was er dachte: Gutes wie Böses, Edles, Niederträchtiges, Verwerfliches, Peinliches, Obszönes, Widerliches, Naives, Lobenswertes. Alles.

Und er schreibt damit eines der schonungslosesten, aber auch großartigsten Memoirenwerke aller Zeiten, ebenbürtig einem Samuel Pepys, Jean-Jacques Rousseau oder Giacomo Casanova. Von der Jugend auf dem Land über die Zeit in der Klosterschule bis in die Zeit als Drucker und Schriftsteller in Paris, wo er zum berühmtesten Beobachter der niederen Stände wird. Unzähligen Frauen begegnet der leicht entflammbare und triebhafte Rétif auf seinem Weg, und auf alle möglichen Weisen versucht er sich ihnen zu nähern.

Er liefert ein ungemein reichhaltiges Zeitbild Frankreichs vor und während der Revolution – und eine Tiefenbohrung in die menschliche Psyche, wie es sie vorher noch nie gab und auch lange danach nicht mehr geben sollte.

© Gallini Verlag

weitere Titel des Autors

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Leseprobe
Format
gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Seiten
720
Jahr
2017
Verlag
Gallini
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