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Wolfe, Tom: Das Königreich der Sprache

Artikelnummer: 978-3-89667-588-0

Die Entstehung der Sprache in Bezug auf Darwin und Chomsky

Gewicht: 0.335 kg

Rezension:

Einen Großangriff auf gleich zwei der einflussreichsten Wissenschaftler der letzten hundertfünfzig Jahre fährt der amerikanische Bestsellerautor Tom Wolfe („Jahrmarkt der Eitelkeiten“). Charles Darwin, den Vater der Evolutionstheorie, und Noam Chomsky, den unumstrittenen Star der Linguistik, hätte man wohl nicht zusammen in einem Buch erwartet, aber was beide verbindet, sind ihre Theorien über die Entstehung der Sprache, die Wolfe als komplett widerlegt ansieht.
Es gibt noch ein weiteres Bindeglied, und das ist der ziemlich schäbige Umgang mit weniger prominenten Konkurrenten. Charles Darwin wusste es geschickt zu verhindern, dass Alfred R. Wallace als der eigentliche Vater der Evolutionstheorie genannt wurde – dabei war dieser doch Darwin zuvorgekommen. Aber wem schickte der Unbekannte von seiner malaiischen Insel, auf der er eben forschte, seinen Essay? Darwin! Und der hatte daraufhin nichts Besseres zu tun, als in allerkürzester Zeit das Gründungsdokument des Darwinismus herauszuhauen, „The Origin of Species“, das er zusammen mit dem Essay von Wallace der Öffentlichkeit präsentierte – scheinbar großmütig, weil er auch Wallace nicht vergaß, in Wahrheit ruhmsüchtig dafür sorgend, dass allein er, nicht der Mann auf der Vulkaninsel gefeiert wurde. Das Verhältnis von Chomsky zu Daniel Everett war eigentlich ein anderes, denn Everett, wie Wallace war ein Mann der Feldforschung – er lebte jahrelang im Amazonasurwald, wogegen Chomsky gemütlich in seinem vollklimatisierten Büro im MIT saß, also im Massachussets Institute for Technology. Aber sonst? Chomsky, mit dessen Theorie, der Generativen Transformationsgrammatik, Studenten seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt gequält werden, war ursprünglich der Held von Everett, bis dieser eine Sprache entdeckte, die sich mit Chomskys Überlegungen keinesfalls verträgt. Chomsky also, von einem simplen Feldforscher widerlegt, nahm übel, und Wolfe zeichnet in seinem Buch seine und seiner Gefolgsleute Polemiken nach.
Dabei geht es ihm vor allem darum, dass bis heute niemand eine schlüssige Theorie über den Ursprung der Sprache formulieren konnte. Denn wenn es die Sprache ist, welche den Unterschied zwischen Tier und Mensch macht, warum kann die Evolutionstheorie nicht deren Entstehung erklären? Wallace, ursprünglich ein Mitstreiter Darwins, sah als erster den schwachen Punkt und nahm ihn zum Anlass, einen kritischen vierzigseitigen Aufsatz zu schreiben, den er in seiner ziemlich liebenswerten Naivität wiederum an Darwin schickte. „Im Taumel der Raserei“, so schildert Wolfe die Reaktion Darwins auf die Kritik, begann er „NO! – NO! – NO! – NO! – an den Rand seines Wallace-Exemplars zu kritzeln und ganze Massen an Speeren in Gestalt von Ausrufezeichen hinterherzuwerfen: (…) Nimm das, Wallace! … direkt durch deine Schläfen und dein kleines 50-Cent-Zollgehirn! … und das! – sssst – mitten durch deinen Solar Plexus!“
Ein anderer, der seinen Finger auf diesen wunden Punkt der Evolutionstheorie legte, war der hoch angesehene, in England lebende und forschende Philologe Max Müller, der Darwins „Wauwau-Theorie (…) durch den Kakao zog.“ Und gute hundert Jahre später versagte Chomsky mit seiner Theorie, die Entstehung der Sprache zu schildern, ohne dass Wolfe ihre möglichen Schwachstellen nun im Einzelnen schildern würde. Ist Everetts Theorie einleuchtender? Nach Wolfe hält er Sprache schlicht für ein Artefakt, für etwas künstlich Hergestelltes, aber selbst wenn das stimmen sollte, das er das denkt (in Wahrheit ist er davon weit entfernt), selbst dann wäre immer noch nicht die Frage beantwortet, warum Tiere keine Sprache verstehen können, wohl aber Menschen. Etwas in unserer Natur muss es uns ermöglichen, Sprachen zu verstehen, zu sprechen und sogar zu schaffen, und diese Notwendigkeit kann auch ein Anti-Naturalist nicht ganz leugnen.
Neugierig geworden, griff ich nach Daniel Everetts „Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Pirahã -Indianern am Amazonas“ und musste feststellen, dass Wolfes Buch Everett überhaupt und in wirklich keiner Weise gerecht wird; sein Referat der Überlegungen ist nicht allein oberflächlich, sondern schlicht falsch. Das Wort „Artefakt“ kommt nicht vor, sondern Everett behauptet nichts anderes, als dass es einen Zusammenhang zwischen Kultur und Sprache gibt, einen Prozess der gegenseitigen Beeinflussung. Vorsichtig fügt er hinzu, dass man „keine allzu vereinfachten Schlussfolgerungen über die prägenden Faktoren des ‚menschlichen Erlebens‘ ziehen darf.“ Nun, diese Stelle hat Wolfe offensichtlich überlesen.

Man liest Wolfes Buch sehr schnell; es ist in seinem ziemlich eigentümlichen Stil geschrieben, ungewöhnlich unterhaltend, sehr schnoddrig, oft lautmalerisch und dazu voller Verachtung gegenüber allen Autoritäten. Aber eben dieser Stil, der uns das Buch verschlingen lässt, verhindert es letztlich auch, dass der Autor tiefer in das Problem eindringt. Wolfe macht uns klar, dass das Verhalten Darwins wie Chomskys extrem fragwürdig war, und er kritisiert es in durchaus differenzierter Form – die beiden Herren werden sehr verschieden dargestellt und bewertet –, aber weder zeigt er dem Leser, warum Darwin die Kluft zwischen Tier und Mensch nicht erklären kann, noch, warum Everetts angebliche Lösung – Sprache ein „Artefakt“ – überzeugend sein könnte oder auch nur mehr als Teil einer Antwort. Das Buch ist als Anregung gut geeignet, aber mehr als eine Anregung sollte es für niemanden sein.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

In den vergangenen 150 Jahren wurden von der Entdeckung des Penizillins über die Entschlüsselung der menschlichen DNS bis zum Nachweis des Higgs-Bosons kolossale Fortschritte gemacht. Doch an einer der drängendsten Fragen der Menschheitsgeschichte - Wo liegt der Ursprung der menschlichen Sprache? - scheitert die Wissenschaft bis heute. Das hat, wie Tom Wolfe genüsslich darlegt, führende Forscher von Charles Darwin bis Noam Chomsky jedoch zu keiner Zeit davon abgehalten, grandiose Erfolge zu verkünden, die gar keine waren, Konkurrenten zu diffamieren, anstatt eigene Fehler einzugestehen, und generell des Kaisers neue Kleider in den schillerndsten Farben zu beschreiben.

In Das Königreich der Sprache vertritt Wolfe die These, wonach die Sprache die erste kulturelle Leistung des Menschen und somit nicht mit der Evolutiontheorie oder wissenschaftlicher Systematik zu erklären ist.

© Blessing Verlag

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Audiotrailer
Format
gebunden mit Schutzumschlag
Seiten
224
Jahr
2017
Verlag
Blessing Verlag
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