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Micalo, Stefano / Fuchs, Thomas (Hrsg.): Angst

Artikelnummer: 978-3-495-48859-1

Philosophische Betrachtungen zur Angst

Gewicht: 0.37 kg

Rezension:

Nicht jeder mag die Unterscheidung zwischen Angst und Furcht akzeptieren, die der dänische Philosoph Søren Kierkegaard bereits 1844 in seiner Abhandlung „Der Begriff Angst“ eingeführt hat. Kurz gesagt, hat Furcht einen konkreten Gegenstand, wogegen Angst eher eine Stimmung ist. Es dauerte mehr als siebzig Jahre, bis ihm so berühmte Autoren wie Martin Heidegger oder Jean-Paul Sartre folgten, aber nach einer Weile wurde diese für die Existenzphilosophie wesentliche Unterscheidung schon wieder bestritten. Jetzt ist ein Aufsatzband zum Thema Angst erschienen, dessen teils hochwertige Arbeiten diese alte Diskussion aufgreifen und vertiefen. Wie der Untertitel es sagt, sind es Beiträge von Philosophen und Psychotherapeuten, aber es finden sich unter den Autoren auch Theologen.

Bücher über Angst gibt es viele, aber die meisten kommen kaum über den Status von Ratgebern auf Hochglanzpapier hinaus und in aller Regel geht es nur um Furcht und Phobien, nicht um die gegenstandslose Angst, von der Kierkegaard oder Heidegger handeln.

Die gelehrte Abhandlung des Schweizer Philosophen Emil Angehrn, die in die Thematik einführt, beginnt schon bei den alten Griechen – er sieht einen Zusammenhang von Angst, Schwindel und dem Sich-Verwundern, das nach Platon und Aristoteles am Anfang der Philosophie steht. Immer wieder kommt Angehrn auf das „Gefühl des Bedrohtseins durch die Instabilität der Ordnungen und das beinahe obsessive Bedürfnis nach Sicherheit und Halt“ schon bei den ältesten Denkern der Geschichte zu sprechen. Von da aus entfaltet er die moderne Thematik, insbesondere den Zusammenhang von Subjektivität und Freiheitsproblematik, der sich in eben dieser Weise erst bei Kierkegaard und dann in der Philosophie des 20. Jahrhunderts auftun wird.

Stefano Micali kritisiert in seinem Beitrag die einschlägigen Analysen aus „Sein und Zeit“ sowie der Heideggerschen Antrittsvorlesung in Freiburg („Was ist Metaphysik?“). Dabei geht es ihm um den Begriff des Nichts, der besonders die Vorlesung bestimmt und Rudolf Carnap zu seiner aggressiven Heidegger-Polemik inspirierte. Auch andere Autoren dieses Bandes greifen diese Problematik auf, die damit an die Verwandtschaft von Schwindel und Angst anschließt, die seit Kierkegaard die Diskussion bestimmt. Über dieses Thema schreibt mit dem Dänen Arne Grøn einer der derzeit besten Kierkegaard-Kenner überhaupt. Er arbeitet heraus, dass es die „Zweideutigkeit“ ist, die Kierkegaard an dem Thema interessiert. In der Angst fließen religiöse, anthropologische und natürlich psychologische Interessen ineinander.

Enttäuschend ist die Phänomenologie der Angst, unter dem Titel „Die Enge des Lebens“ vorgetragen von den beiden Herausgebern, denn im Ausgang von Hermann Schmitz‘ Bestimmung der Angst als „gehindertes Weg!“ ist diese Phänomenologie kaum mehr als eine Wiederholung von dessen Ergebnissen, die sich nicht sehr gut mit der Unterscheidung von Angst und Furcht vertragen. Denn das „gehinderte Weg“ bestimmt allein die Furcht, nicht aber die Angst, über die Schmitz schweigt.

Die zweite Hälfte des Aufsatzbandes beinhaltet psychoanalytisch argumentierende Essays und wird von Alice Holzhey-Kunz unter dem Titel „Angst als philosophische Erfahrung und als pathologisches Symptom“ eingeleitet. Diese Arbeit wie die drei noch folgenden schließen sich eng an die Ergebnisse von Freud an. Das gilt auch für den Essay über „Orale Dynamiken und die Angst (in der Religion)“ des Kulturwissenschaftlers Hartmut Böhme. Böhmes Aufsatz ist ein Feuerwerk, in dem er vielfältige historische und ethnographische Zeugnisse der Angst im Zusammenhang von Fressen und Gefressenwerden, von Zahnschmerzen und Kannibalismus behandelt.

Aber es findet sich auch eine merkwürdige Bemerkung in diesem sonst ebenso gelehrten wie klugen Beitrag, die deutlich macht, wie weltfremd die Psychoanalyse argumentiert. Böhme zitiert nämlich zustimmend eine Studie, nach der „schon der Säugling von einer quälend hilflosen Wut erfüllt sein kann; er möchte unbewusst den Körper der Mutter zermalmen und zerfetzen.“ Ein unbewusster Säugling? Die Mutter zermalmen und zerfetzen? Das ist doch doch ein wenig überraschend. Und wie hat der Säugling den Analytikern seinen unbewussten Wunsch verraten? In der Rückschau des Erwachsenen oder während er seinen Phantasien anhing? In diesem Satz innerhalb einer sonst so spannend und interessant argumentierenden Studie werden die Absurditäten einer sektenartigen Theorie schlaglichtartig offensichtlich.

Sehr erfreulich ist die große Sorgfalt, die Verlag und Herausgeber den Texten angedeihen ließen. Die große Spannweite der einzelnen Essays macht den Band zusätzlich empfehlenswert.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Angst gilt als Grundbefindlichkeit des Menschseins. In der Philosophiegeschichte kann man keinen anderen Affekt finden, dem eine solch fundamentale Funktion für die Entstehung etwa von Religion, Sprache oder selbst des Staates zugesprochen wurde. Zugleich stellt das Phänomen der Angst eine der schwierigsten Herausforderungen der anthropologischen Untersuchungen dar: Es gibt in der Welt nichts Zweideutigeres als die Angst (Kierkegaard). Wovor ängstigt man sich? Ist die Angst gegenstandslos? Oder verweist sie indirekt auf eine sich entziehende Quelle? Ist diese Quelle in der Phantasie oder in der Wahrnehmung verankert? Birgt die Angst eine Möglichkeit zum authentischen Selbstsein? Oder ist sie primär ein Ausdruck von unbewussten Triebdynamiken? Wie lässt sich eine Grenze zwischen normaler und pathologischer Angst ziehen? Wie kann man Ängste beherrschen? Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes beschäftigen sich mit diesen Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven und Disziplinen. Neben dem Dialog zwischen Philosophie und Psychotherapie werden kulturwissenschaftliche und theologische Ansätze berücksichtigt, um die Angst als Ausdrucksgestalt eines affektiven Selbst- und Weltverhältnisses zu untersuchen.

Mit Beiträgen von Emil Angehrn, Hartmut Böhme, Michael Bongardt, Jagna Brudzinska, Arne Grøn, Hermann Lang, Alice Holzhey-Kunz, Stefano Micali, Enno Rudolph und Magnus Schlette.

© Verlag Karl Alber

weitere Titel des Herausgebers Fuchs

weitere Titel des Herausgebers Micali

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Format
gebunden
Seiten
208
Jahr
2016
Verlag
Verlag Karl Alber
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