0 0
Dieser Online-Shop verwendet Cookies für ein optimales Einkaufserlebnis. Dabei werden beispielsweise die Session-Informationen oder die Spracheinstellung auf Ihrem Rechner gespeichert. Ohne Cookies ist der Funktionsumfang des Online-Shops eingeschränkt. Sind Sie damit nicht einverstanden, klicken Sie bitte hier.

Marttioli, Aram: Verlorene Welten

Artikelnummer: 978-3-608-94914-8

Die Geschichte der nordamerikanischen Indianer

Gewicht: 0.64 kg

Rezension:

Als vor Jahren im Fernsehen „500 Nations“ lief, die von Kevin Costner produzierte Geschichte der nordamerikanischen Ureinwohner, war ich erst gespannt und habe es dann doch nicht ausgehalten. Nicht etwa, weil es eine schlecht gemachte Dokumentation gewesen wäre – ganz im Gegenteil. Nein, die Erzählung von der physischen und kulturellen Vernichtung so vieler Menschen war einfach zu bitter. Sie zeigte, wie verschieden die einzelnen Völker waren, wie sehr sich ihre Lebensweise, Ernährung, ihr Sozialverhalten und ihre Sprachen voneinander unterschieden; und sie schilderte ihre Leiden und die Hoffnungslosigkeit ihrer Geschichte.

Hätte die Begegnung von Europäern und Amerikanern anders verlaufen können? Friedlicher sicherlich, aber es wäre wegen der fehlenden Immunität der Indianer gegen die europäischen Krankheiten immer zu einer Katastrophe geworden – ganz zwangsläufig. Unsere Infektionskrankheiten haben ihren Grund in unserem engen Zusammenleben mit Haustieren, und weil in Amerika Haustiere fast vollständig unbekannt waren, gab es weder diese Krankheiten noch die entsprechenden Resistenzen. So starben die Indianer wie die Fliegen, oft, bevor sie den Europäern ein erstes Mal begegnet waren. Vielleicht hätte unsere Zeit diese Begegnung weniger tödlich gestalten können, die damalige Zeit konnte das nicht.

Aber die Krankheiten waren nur ein Grund für die Katastrophe der amerikanischen Kulturen. Ein anderer Grund war die außerordentliche Brutalität der Europäer, der Spanier und Portugiesen im Süden, der Engländer im Norden, die einer schon fast ungeheuerlichen Vielzahl von sehr unterschiedlichen, teils tödlich zerstrittenen und dabei immer vergleichsweise kleinen indianischen Nationen gegenüberstanden. Es war leicht, sie zu betrügen, sie abzuschlachten, sie endlich aus ihren reichen Dörfern zu vertreiben und in öden Halbwüsten („Reservaten“) anzusiedeln. Anfangs, bis weit in das 18. Jahrhundert hinein, gab es auch andere als feindliche Begegnungen und besonders die Franzosen taten sich im Norden hervor, als sie mit Indianern friedlichen Handel trieben und mit ihnen zusammenlebten. Aber spätestens mit der Gründung der USA wurde die Situation der Indianer immer aussichtsloser; der Aufstieg dieses Staates ist mit einem Menschheitsverbrechen untrennbar verknüpft, ja, ohne die Vernichtung der indianischen Kulturen hätte es niemals zu einem so großen und reichen Land werden können.

Im Grunde sind die USA ein Kolonialstaat – das fällt nur deshalb nicht mehr auf, weil die Menschen, die auf dem Boden dieser Kolonie gelebt hatten, fast vollständig ausgerottet wurden. Es waren und sind Verbrechen: Ob es die Goldgräber in Kalifornien waren, ob Farmer („Frontier“) im Osten, in den „Great Plains“ oder im Süden, ob die reguläre US-Armee. Mit einer unfassbaren Brutalität wurden ganze Nationen ausradiert.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Indianer ihres gesamten Landes beraubt und in erbärmliche Reservaten zusammengedrängt. Aber selbst damit war es noch nicht genug, denn jetzt begann eine „reichlich aggressive Assimilationskampagne“, in der die freien Indianer zu Abziehbildern der Weißen umerzogen wurden. Die Werkzeuge dafür kennen wir auch aus der europäischen, teils sogar der deutschen Nachkriegsgeschichte: Ein Mittel waren Internate, in denen die Kinder, gegen ihren Willen von den Eltern getrennt, zu anderer Kleidung, anderem Essen, anderem Verhalten gezwungen wurden. Oft wurde ihnen sogar der Gebrauch der Muttersprache verboten. Es gab nicht wenige Fälle von Selbstmord, auch starben viele Kinder an Unterernährung oder dank einer mangelhaften medizinischen Versorgung an Infektionskrankheiten.

Der Schweizer Historiker Mattioli schildert den Untergang der Indianer in einem nüchternen Ton und als Wissenschaftler mit zahlreichen Belegen, weiß aber seiner Empathie für diese Völker trotzdem Ausdruck zu verleihen. Emotional wird er nie, nur gelegentlich sarkastisch oder bitter: „Hunderte von California Indians verloren auch deshalb ihr Leben, damit Rinder, Schweine und Pferde der Neusiedler in ihren ehemaligen Lebensräumen unbehelligt grasen konnten.“ Aber so deutlich er auch die Massenmorde anspricht, mit dem naheliegenden Vorwurf des Genozids hält sich Mattioli auffallend zurück, selbst im Fall Kaliforniens, wo die Indianer – auf einem weniger hohen kulturellen Niveau als viele andere Nationen – in besonders brutaler Weise ausgerottet wurden. Obwohl damals ganz offen von „Ausrottung“ (extermination) gesprochen wurde und der junge kalifornische Staat „die Massenmörder für ihr blutiges Treiben“ sogar mit hohen Geldprämien reich belohnte, möchte Mattioli es keinen Völkermord nennen. „In der Praxis“, resümiert er, „lief es auf die Auslöschung der Indianerkulturen, ja auf einen versuchten Ethnozid hinaus.“ Weiter geht er nicht.

Mattiolis Buch ist ganz ausgezeichnet. Es verschont den Leser konsequent mit überflüssigen Grausamkeiten, urteilt differenziert und trotzdem klar, und er behandelt einen sehr umfangreichen Stoff – immerhin mehr als zweihundert Jahre –, in strukturierter Form, ohne sich in Details zu verlieren. Die Lektüre macht traurig, denn wie der Autor sich dem Thema zuwandte, weil er in seiner Jugend für Indianer schwärmte, so werden sich auch viele Leser aus demselben Grund mit diesem Thema beschäftigen, und sie stoßen auf unendlich viel Elend und Hoffnungslosigkeit. „Verlorene Welten“ ist leider ein sehr treffender Titel, denn es gibt nichts, dass uns diese Welten zurückgeben könnte; nicht allein Menschen sind gestorben, sondern mit ihnen sind Sprachen, Sitten, Kulturen untergegangen – für immer.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

„Die Zerstörung der indianischen Welt – umfassend und neu erzählt

Aram Mattioli erzählt die Geschichte Nordamerikas zwischen 1700 und 1900 aus der Sicht der »First Peoples«. Eingehend ergründet er die politischen Motive aller Seiten im erbarmungslosen Kampf um den Kontinent, der zur Vernichtung der Lebensformen und der Kultur der Indianer führte.

Umfassend erzählt und deutet Aram Mattioli die Geschichte der Indianer und ihrer Vernichtung vom 18. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Anschaulich schildert er die globalen Ereignisse vor dem Hintergrund aller zentralen Zeiterscheinungen. Eindringlich beschreibt er den langen und gewaltsamen Prozess der Kolonisierung durch die weißen Siedler. Zugleich bezieht er stets die Sicht der »Besiegten« gleichberechtigt in die Betrachtung mit ein und zeigt eindrucksvoll, wie indianische Nationen ganz unterschiedlich auf die Landnahme reagierten. Daneben kommen die kulturellen Leistungen der Indianer ebenso zur Sprache wie die großen sozialen Umwälzungen und die vielfältigen Lebensformen. In packenden Szenen beschreibt der Autor die entscheidenden Kämpfe und zeichnet treffende Porträts der einfachen Menschen wie der großen politischen Akteure. Ein anregendes und brisantes Buch über die Verwandlung der amerikanischen Welt, das nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart ein neues Licht wirft.

© Klett Cotta

weitere Titel des Autors

bestellen bei:

buecher.de   Buch24.de   Hugendubel   Booklooker   ebook.de   Thalia   Amazon

Format
gebunden
Seiten
446
Jahr
2017
Verlag
Klett-Cotta
Es liegen keine Kommentare zu diesem Artikel vor.