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Illig, Heribert: Des Kaisers leeres Bücherbrett

Artikelnummer: 978-3-928852-51-7

Rezension:

Es ist eine Provokation, 300 Jahre aus einer allseits anerkannten Chronologie zu streichen. Aber die Jahre zwischen 614 und 911 habe es niemals gegeben, so lautet die These des Münchner Historikers Heribert Illig, der damit das Weltbild vieler Menschen durcheinander bringt. Jeden Autor konfrontiert eine solche These mit einem großen Problem – wie soll er beweisen, dass etwas nicht geschehen ist, ja, dass es einen derart langen Zeitraum niemals gegeben hat?
Man spricht von Chronologiekritik, wenn ein Autor annimmt, dass die ganze Abfolge des historischen Geschehens Einschübe, Fehler und falsche Datierungen enthält. Warum stößt die Kritik einer Chronologie auf Vorbehalte? Sollte nicht alles, was an Schule und Universitäten gelehrt wird und das Rückgrat unserer Bildung darstellt, einer Überprüfung standhalten? Und ist es nicht verständlich, dass die Kritik ausgerechnet bei einer Zeit ansetzt, die nicht besonders gut, für viele Jahrzehnte sogar überhaupt nicht dokumentiert ist? Schließlich ist es so, dass unsere Zeitrechnung damals noch gar nicht gültig war – niemand hat zu jener Zeit die Jahre „nach Christi Geburt“ gezählt. Auch geht die Forschung davon aus, dass das kulturelle Niveau nach dem Untergang des römischen Reiches stark, sogar sehr stark abgesackt war. Wie wurden zwischen 476, dem Jahr, indem die Westgoten das ewige Rom eroberten, und der Zeit der Gotik, als die Kathedralen emporwuchsen, das Wissen, die Sprachkenntnisse, die Literatur der Antike tradiert – also so aufbewahrt und überliefert, dass die großen Theologen der Scholastik an die Philosophie des Aristoteles wie an die Kirchenväter anknüpfen konnten?
Ein Chronologiekritiker kann nichts anderes tun, als die Indizien und Beweise, die für eine Epoche zeugen, sich nacheinander vorzunehmen und bei jedem einzelnen zu zeigen, dass es sich um eine fehlerhafte Interpretation, um ein Missverständnis oder um eine Fälschung handelt. Auch bietet es sich an, sich Ruinen und andere Fundstätten anzuschauen, die für ein bestimmtes Jahr oder ein gewisses Ereignis stehen. Dann sollte er zeigen und begründen, dass und warum sie wahrscheinlich ein wenig oder vielleicht sogar viel jünger sind, als man bisher dachte. Und schließlich wird er wahrscheinlich zu machen versuchen, dass Ereignisse, die in der traditionellen Chronologie weit auseinanderliegen, in Wahrheit zusammengehören.
Wenn Karl der Große als die bedeutendste Gestalt der fraglichen Jahre wirklich fiktiv sein sollte, muss es sich um einen ganz außergewöhnlichen Lügenteppich handeln, in den über eine lange Zeit hinweg alle überhaupt nur denkbaren Fäden oder auch nur Irrtümer hineingewebt wurden. Wie kann man ihn aufdröseln? Mit schlichten Behauptungen und einfachen Verneinungen kommt man nicht weit, sondern man muss sich schon mit Quellenkritik beschäftigen, also alte und älteste Dokumente neu anschauen und datieren oder umdeuten. Wer Karl den Großen streichen will, der muss sich in vielen Wissenschaften auskennen. Und er muss mit Angriffen von nahezu allen Seiten rechnen.
Weil es sich um einen Kampf gegen eine hundertköpfige Hydra handelt, bedarf es einerseits einer sehr gründlichen und vielseitigen Vorbildung in den verschiedensten Wissenschaften, andererseits muss man sehr, sehr fleißig sein und dazu akkurat bis zur Penibilität. Es überrascht deshalb nicht, dass das Literaturverzeichnis dieses Buches enorm umfangreich ist, nämlich nicht weniger als achtzehn Seiten umfasst. Wie schon alle anderen Bücher Heribert Illigs zuvor, so ist diese Arbeit, welche die inneren Widersprüche und Fehlstellen der frühmittelalterlichen Geschichte aufzeigt, sowohl von einer gelegentlich staubtrockenen Sorgfalt wie auch von einem sehr, sehr breiten Wissen geprägt.
In seinem ersten Buch zum Thema („Das erfundene Mittelalter“) hatte der Autor noch als Hauptbeweisstück den Aachener Dom genommen und gezeigt, wie vieles an diesem Bauwerk, das angeblich aus dem ganz frühen 9. Jahrhundert stammt, in spätere Zeiten deutet. Eine ganze Fülle von baulichen Details wurde von Illig als wesentlich jünger entlarvt, so dass der Dom wohl eher in die Mitte des 11. Jahrhunderts gehört. In diesem Buch nun, das sich ja mit derselben Epoche beschäftigt, zielt er vor allem auf Kulturvermittlung und Wissensvermittlung. Waren Klöster bereits im 9. Jahrhundert Schatzkammern des Wissens, in denen die antike Literatur und Philosophie lange Jahrhunderte der Barbarei überleben konnte? Wie muss man sich mittelalterliche Schreibstuben vorstellen, wie viele Menschen haben dort gesessen und geschrieben, wie haben sie die Texte kopiert und illustriert und später gelagert und aufbewahrt? Sind unsere Vorstellungen vom frühmittelalterlichen Klosterleben überhaupt realistisch? Was wissen wir von dieser Zeit?
Diese Fragen werden von Illig unter anderem an Hand des Klosterplans von St. Gallen diskutiert, der wie der Aachener Dom meist auf die ersten Jahrzehnte des 9. Jahrhunderts geschätzt, also in die Epoche Karls des Großen datiert wird. Der Plan zeigt ein sehr großes, ja riesiges Kloster mit fünfzig penibel gezeichneten Nebengebäuden im Aufriss – ein Plan, der das Vorbild darstellte für das Kloster in „Der Name der Rose“. In diesem Buch wird es von Illig wahrscheinlich gemacht, dass der Plan nicht auf die Zeit Karls des Großen zurückgeht, sondern mehr als dreihundert Jahre jünger ist, also einer ganz anderen Epoche entstammt (entstammen muss). Die ruhige Art, in der Illig die verschiedenen Aspekte des Plans diskutiert und nach ihrer Möglichkeit in einer so frühen Zeit fragt, ist außerordentlich überzeugend. Weder muss er sich verrenken, noch übt er sich in überscharfer Polemik; vielmehr demonstriert der Autor, dass und vor allem warum ein derartiger Plan unmöglich in das neunte Jahrhundert gehören kann.

Ein anderes in diesem Buch diskutiertes Problem ist die „karolingische Minuskel“, also die Schrift, in der die Urkunden jener Jahre überliefert sind. Wurde unter Karl dem Großen wirklich eine neue Schrift entwickelt? „Gab es“, fragt Illig, „diese überbordende Kreativität, dieses nicht versiegende Schreiben damals gar nicht?“, von der uns Umberto Eco in seinem Bestseller berichtet? Besonders eingangs seines Buches konfrontiert Illig den Leser immer wieder mit Bildern aus der Romanverfilmung, um im Anschluss zu zeigen, dass es in der damaligen Zeit keinen Raum für etwas Entsprechendes gegeben haben kann.
Wer sich mit diesen kulturgeschichtlichen Fragen beschäftigt, der stößt auf eine ganze Fülle von teils widersprüchlichen, teils unbewiesenen Aussagen. Ein festes Schema besteht darin, dass unter Karl vieles entwickelt wurde, um bald darauf für deutlich mehr als zweihundert Jahre vergessen zu werden. Ist eine solche Vorstellung realistisch? Kann man seiner Zeit – ganz gleich, ob auf dem Gebiet der Technik, der Wissenschaft oder der Kultur – um mehr als vielleicht ein oder zwei Jahrzehnte voraus sein? Schon dann ist man mehr als bloß talentiert, dann ist man ein Genie; aber um Jahrhunderte voraus?

Wer von den Zweifeln an der Existenz Karls des Großen erzählt, der bekommt eigentlich immer dieselbe empörte Frage entgegen geschleudert: „Aber was ist mit den Dokumenten?“ Ja, was ist damit, was kommt heraus, wenn man sich die Überlieferung eines Dokumentes anschaut? Ein besonders krasses Beispiel kommentiert Illig sarkastisch: „Respekt: Ein Dokument von 762, nur bekannt als gefälschte Abschrift von 1121, überliefert in einem Vidimus (einer beglaubigten Kopie) von 1457 und erstmals nachweislich festgehalten im 17. Jh. – das darf sich geprüfte Texttreue nennen.“ Es gibt buchstäblich unendlich viele Dokumente, deren Ursprung völlig ungeklärt ist.
Als Ergebnis hält Illig fest: „All diese Widersprüche sind im herkömmlichen Geschichtsbild nicht aufzulösen; das Ganze erhält nur Sinn, wenn man das erfundene Mittelalter streicht“. Weil es die Jahre zwischen 614 und 911 sind, die der Autor zu streichen vorschlägt, müssen die in der Phantomzeit angeblich entstandenen Werke größtenteils auf die nachfolgenden Jahrhunderte, in einigen wenigen Fällen auch auf die ihr vorausgehende Zeit verteilt werden. Karl dem Großen wurden lange Zeit Verdienste der Ottonen, mehr noch der Salier oder späterer Zeiten zusprochen; nun ändert sich das. Das Buch ist extrem interessant, weil es sehr viel detailierte Blicke in die Kulturgeschichte bis hin zum Alltagsleben gewährt – besonders natürlich in das Klosterleben – und weil seine Ergebnisse zu einer gründlichen Revision, ja sogar Revolution unseres Geschichtsbildes führen. Wem das Mittelalter und damit der Ursprung unserer Kultur nicht egal ist, der sollte sich einmal mit der Kritik Heribert Illigs beschäftigen – man lernt viel hinzu.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Wann hat das Abendland die griechische und lateinische Bildung wieder entdeckt? Wann erreichten Übersetzungen aus dem Griechischen und aus dem Arabischen den Westen? Wer trug zur Wiedergewinnung bei?

Es war keine karolingische Renaissance im Spiel, sondern eine andere, gerne übersehene Wiedergeburt. Zweite Überraschung: Bücher hatten lange keine Heimstatt in den christlichen Klöstern. Es fehlte an geeigneten Räumen wie an Skriptorien. Wie sollen wir uns nun die Buchkultur vorstellen, auf die wir stolz sind?

Auf diesem neuen Weg bestätigt und vertieft Dr. Heribert Illig seine ebenso bekannte wie umstrittene These vom erfundenen Mittelalter.

© Mantis Verlag

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Format
Paperback
Seiten
293
Jahr
2017
Verlag
Mantis Verlag
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