0 0
Dieser Online-Shop verwendet Cookies für ein optimales Einkaufserlebnis. Dabei werden beispielsweise die Session-Informationen oder die Spracheinstellung auf Ihrem Rechner gespeichert. Ohne Cookies ist der Funktionsumfang des Online-Shops eingeschränkt. Sind Sie damit nicht einverstanden, klicken Sie bitte hier.

Curtius, Ernst Robert: Elemente der Bildung

Artikelnummer: 978-3-406-69760-9

Ansichten über Bildung aus der Weimarer Republik

Gewicht: 0.841 kg

Rezension:

Es ist ein sehr, sehr großer Name: Ernst Robert Curtius (1886 – 1956) war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, der Romanistik, und als eifriger Publizist weit über die engen Grenzen der Wissenschaft hinaus bekannt – vor allem auch als einer der ersten, die das Genie von Marcel Proust, James Joyce und anderen frühzeitig erkannten und deren Ruhm noch im Deutschland der zwanziger Jahre beförderten. Dazu veröffentlichte er in der Weimarer Republik auch politische Essays. Jetzt erscheint mit nicht weniger als fünfundachtzig Jahren Verspätung seine Schrift über die „Elemente der Bildung“, mit der er auf die gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Probleme in der Spätzeit der Weimarer Republik reagiert hatte.
Dabei war das Buch damals nicht allein vom Verlag akzeptiert, sondern sogar fast druckreif – warum es dann doch nicht erschienen ist, scheint zwar bis heute nicht endgültig geklärt, aber man weiß schon, wo man die Gründe suchen sollte: Ganz offensichtlich konnte sich selbst ein so prominenter Universitätslehrer nicht mehr ganz sicher fühlen.

Ist diese Epoche – das Ende der Weimarer Republik? – vergleichbar mit unserer Zeit? Die Situation war sicherlich viel, viel dramatischer, aber es ging immerhin um dieselben Gebiete, besonders um Bildung, Kultur und Demokratie. Einerseits werden es zeitgeschichtliche Aspekte sein, die ein solches Buch interessant machen, aber andererseits dürfen von einem Autor dieses Kalibers etwas grundsätzlichere Überlegungen erwartet werden, die auch heute noch bedacht werden sollten.

In seinem Buch versucht Curtius, die Probleme der Bildung von Grund auf zu diskutieren und ganz gleich, wie man zu seinen Ergebnissen steht (und der heutige Leser wird viele seiner Ergebnisse entschieden ablehnen): Eben die Grundsätzlichkeit der Diskussion macht die Lektüre so wertvoll. Während heute alles in einen Topf geworfen wird – Erziehung, berufliche Ausbildung, Bildung – unterscheidet dieser Autor die verschiedenen Formen des Wissens scharf, behandelt aber leider weite Gebiete überhaupt nicht. Insbesondere die Berufsausbildung, um die sich heute im Zeichen einer allgegenwärtigen Ökonomisierung alles dreht, wird von ihm nicht einmal am Rande diskutiert und auch Leibeserziehung ist ihm nur am Rande wichtig. Was hätte er wohl heute zu der Rolle des Sports gesagt? „Die heute übliche gedankenlose Verherrlichung des Sports ist nur ein Symptom der heutigen Unbildung und Wertanarchie“, kann man in diesem Buch lesen und dabei war die Rolle des Sports in jenen Jahren noch in keiner Weise vergleichbar mit der heutigen!

Curtius schließt sich mit seinen Überlegungen eng an Max Schelers entsprechende Werke über die Soziologie der Bildung und die philosophische Anthropologie an. Außer Goethe ist der 1928 viel zu früh verstorbene Scheler, mit dem Curtius befreundet war, der einzige Autor, den er immer wieder zitiert. Besonders auch das heute wohl kaum konsensfähige Ergebnis seiner Überlegungen – die Bildung soll im „Erlösungswissen“, sprich: in der Religion gipfeln – verdankt sich ganz den Überlegungen Schelers.

Es geht Curtius um eine „prinzipielle Analyse“, und wenn er von Elementen spricht, dann meint er nicht die Schulfächer oder gar irgendwelche Spezialgebiete, aber doch schon Wissen und seine verschiedenen Arten. „Wie die Welt sich emporgebildet hat zum Menschen, so soll der Mensch sich emporbilden zur Welt“, fordert Curtius. Das Ergebnis der Bildung soll eine „gestaltete Einheit“ sein, und den Menschen in all seinen Facetten stellt sich der Autor als von einem einheitlichen Stilwillen gestaltet vor – das ist ein Aspekt, der in heutigen Diskussionen kaum je berührt wird. Leider wird der sich hier anschließende wichtige Gedanke, dass Bildung sich vor allem durch ihre Reflexivität von Erziehung unterscheidet, dass Bildung also letzten Endes Selbsterziehung ist, nur in den letzten Passagen ganz beiläufig berührt, wenn Curtius von „Selbstbildung“ und „Selbsterziehung“ spricht.

„Bildungswissen“, definiert Curtius, „ist all das Wissen, das den Menschen anleitet, der Ganzheit und der Wesensstufung der Welt innezuwerden.“ So zielt der Bildungsbegriff von Curtius weniger oder überhaupt nicht auf den gebildeten Menschen selbst als vielmehr auf die Welt – auf das, was dem Menschen gegenübersteht oder in dem er sich bewegen muss. Dabei soll sich Bildung ganz auf das Kognitive konzentrieren. Nicht allein der Leib und seine Erziehung in Sport oder Tanz und Musik ist ihm ganz unwichtig, sondern auch das gesellschaftliche Leben, die Erziehung zur Demokratie oder künstlerische Aktivitäten spielen überhaupt keine Rolle in seinen Überlegungen.

Eigentlich handelt es sich bei dem Band um zwei Bücher, denn der ersten Hälfte mit dem ebenso sorgfältig edierten wie kommentierten Text von Curtius schließt sich ein fast zweihundert Seiten umfassendes Nachwort des Herausgebers Ernst-Peter Wieckenberg an, das sich mit dem Leben des Autors und der bildungspolitischen Diskussion in der Weimarer Republik beschäftigt. Curtius als Romanist war keineswegs ganz auf Frankreich und seine Kultur fixiert, sondern nahm auch die angelsächsische Literatur (Joyce! T.S. Eliot!) wahr und setzte sich für sie ein. Seinem Einsatz für die deutsch-französische Freundschaft geht der Autor in einem eigenen Kapitel sorgfältig nach. Dazu kommen in dem Nachwort – eigentlich die selbstständige wissenschaftliche Schrift eines großen Kenners dieser Zeit und sehr belesenen Menschen – Kapitel über die publizistischen Aktivitäten von Curtius in der Weimarer Republik. Wichtig ist hier vor allem die kurz vor der Niederschrift der „Elemente der Bildung“ veröffentlichte Arbeit „Deutscher Geist in Gefahr“. Wieckenberg beschreibt die Entstehung des Werks und geht in einem weiteren Kapitel inhaltlich und kritisch auf die verschiedenen Aspekte ein.

Schließlich werden auch noch einige Informationen und Überlegungen zu der „inneren Emigration“ von Curtius während des Dritten Reiches vorgetragen – sein jahrelanges Schweigen hat dem großen Gelehrten in der Nachkriegszeit viel Kritik und Ablehnung eingetragen, aber Wieckenberg kann zeigen, dass Curtius gute Gründe besaß, sich zurückzuhalten, weil er sich als Liberaler heftigen Angriffen nationalsozialistischer Kollegen ausgesetzt sah. Und auch der „Völkische Beobachter“ hatte ihn schon aufs Korn genommen.

Die Lektüre dieses Buches kann man vorbehaltlos empfehlen: Die Edition ist vorbildlich, der Kommentar des Textes umfassend, das Nachwort ebenso gelehrt wie ausgewogen, so dass man nicht allein von Curtius, sondern auch von Wieckenberg viel lernen kann.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Sommer 1932: Der Romanist Ernst Robert Curtius korrigiert die Fahnen seines neuen Buches „Elemente der Bildung“, das im Herbst erscheinen soll. Doch dazu kommt es nicht, und – noch seltsamer – Curtius selbst hat das Werk nie mehr erwähnt. Erst 2008 wurde es zufällig entdeckt und erscheint hier zum ersten Mal. Das mit Leidenschaft geschriebene Buch zeigt den großen Gelehrten von einer neuen Seite, von der dieser selbst später nichts mehr wissen wollte.
Anfang 1932 veröffentlichte Ernst Robert Curtius (1886 - 1956) seine polemische Schrift Deutscher Geist in Gefahr. Danach, so schien es, schrieb er nur noch Aufsätze und publizierte erst 1948 wieder ein großes Werk: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Niemand wusste, dass er 1932 ein weiteres Buch verfasst hat: Elemente der Bildung. Seiner Warnung vor der Zerstörung der abendländischen Bildungstraditionen sollte damit ein positives Bildungskonzept folgen – doch es kam anders. Die sorgfältige Edition macht Curtius’ Buch erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. In einem Nachwort geht Ernst-Peter Wieckenberg der Frage nach, welche persönlichen und politischen Umstände das Erscheinen verhindert haben. Er verortet das Buch in Curtius’ Denken und den Debatten der Zeit und zeigt eindrucksvoll, wie sich ein deutscher Geisteswissenschaftler gegen die ideologische Vereinnahmung der Bildung stemmte und dabei selbst im Strom der Ideologien mitschwamm.

© C. H. Beck

weitere Titel des Autors

bestellen bei:

buecher.de   Buch24.de   Hugendubel   Booklooker   ebook.de   Thalia   Amazon

Format
gebunden
Seiten
517
Jahr
2017
Verlag
C. H. Beck
Es liegen keine Kommentare zu diesem Artikel vor.