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Blom, Philipp: Die Welt aus den Angeln

Artikelnummer: 978-3-446-25458-9

Ein Blick auf die Anfänge der Aufklärung

Rezension:

Anders, als der barock-ausladende Titel es verspricht, beschäftigt sich gar nicht das ganze Buch mit dem Klimawandel und dessen gelegentlich katastrophalen Folgen, sondern behandelt mehrere verschiedene Aspekte dieser Epoche. Ein besonders wichtiger ist der Beginn der merkantilistischen Wirtschaft mit dem absoluten Primat der positiven Handelsbilanz, und hier ist es interessant, in welcher Weise Blom die Ökonomie des 17. Jahrhunderts in Zusammenhang mit der Kriegsführung setzt. Den Handel betrachteten die Politiker der Zeit „als eine Form des Krieges“, welcher der Ausbeutung der anderen Länder diente, aber die Beziehung galt auch umgekehrt: Die im Vergleich zum 16. Jahrhundert deutlich größeren Armeen mit ihrer immer anspruchsvolleren Technik hätten ohne eine veränderte Ökonomie gar nicht mehr organisiert werden können und wurden organisiert wie Geschäfte.
Im zweiten von drei Kapiteln schreibt Blom nicht allein über die neue Kriegsführung, sondern auch über verschiedene, teils bis heute populäre, teils ganz unbekannte Philosophen und Wissenschaftler der Zeit. Der Zusammenhang mit der Eiszeit ist dem Autor hier so ziemlich aus dem Blick geraten, und nur gelegentlich einmal weist er, wie später auch im dritten Kapitel, darauf hin. Ansonsten stellt er Johannes Comenius vor, den Autor des wohl ersten europaweit verbreiteten, wirklich revolutionären Lehrbuches („Orbis pictus“), spricht die Alphabetisierung der Gesellschaften an und erzählt von Lucilio Vanini, einem durch Europa vagabundierenden Schriftsteller. Diese Partien verleihen dem Porträt einer Epoche erst die notwendige Farbe, aber die im Titel so ausführlich angesprochene Grundthese können diese anekdotischen Partien kaum vertiefen.

Auch im dritten Kapitel wird der Klimawandel nur beiläufig angesprochen. Es geht um das Erscheinen eines Kometen, der von vielen Zeitgenossen als Unglückszeichen angesehen wurde, und von dort aus kommt Blom unter anderem auf Pierre Bayle und Baruch de Spinoza zu sprechen, den Verfasser einer gigantischen Enzyklopädie und den einsamen Philosophen, beide Vorkämpfer der Aufklärung, aber in eigentlich allen Punkten sehr voneinander unterschieden. Es handelt sich bei diesem Buch nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, obwohl der sehr breit gebildete Autor durchaus akademische Meriten und wohl auch akademischen Ehrgeiz besitzt. Vielmehr ist es eine Kulturgeschichte, und deshalb bietet sich ein Vergleich mit dem entsprechenden Kapitel aus Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ an. Friedell leitet seine ganz unglaublich farbige und lebhafte Schilderung der Epoche damit ein, dass er das „Unkrauthafte aller Bildungen“ beschwört, und man sieht sofort, wie glücklich dieses Wort ist und wie treffend es die Zeit wirklich beschreibt.

Blom fehlt sowohl der ironische Witz wie die lässige Nonchalance des genialen Egon Friedell, dem es gelang, mit wenigen Federstrichen das Bild einer ganzen Epoche zu entwerfen. Blom schreibt aber auch nicht so knochentrocken wie ein strikt wissenschaftlicher Autor, sondern in einem gut lesbaren flüssigen Stil. Im vierten und letzten Kapitel lässt er sein Buch in einen politischen Essay münden. Denn warum ist die Kleine Eiszeit für uns wichtig? Natürlich sieht Blom sie in Parallele zu dem Klimawandel unserer Tage, und weil er auch den Ursprung der neoliberalen Wirtschaftstheorie in der Ökonomie und politischen Philosophie des 17. Jahrhunderts sieht, versteht sich seine Geschichte einer längst vergangenen Zeit als Spiegelung oder auch Kritik unserer Zeit, dafür geeignet, auf den Ursprung unserer Probleme aufmerksam zu machen. Das gelingt ihm auch sehr schön, und in seinen besten Partien ist dieses Buch so ambivalent wie die Geschichte, die es erzählt.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Philipp Blom, einer der wichtigsten Historiker unserer Zeit, über die Entstehung der modernen Welt – ein großartiges historisches Panorama

p>Lange kalte Winter und kurze kühle Sommer: Im 17. Jahrhundert veränderte sich das Klima in Europa dramatisch. Das Getreide wurde knapp, Wirtschaft und Gesellschaft torkelten in eine tiefe Krise. Die Kleine Eiszeit vermittelt uns eine Vorstellung von den schweren Verwerfungen, die ein Klimawandel auslöst. Die Menschen versuchten sich mit Hilfe von Aufklärung, Wissenschaft und Technik aus der Abhängigkeit von der Natur zu befreien. Aber heute stößt diese moderne Welt an ihre Grenzen, weil sie eine erneute Klimakatastrophe heraufbeschwört. Philipp Blom entfaltet ein großartiges historisches Panorama, in dem wir die Herausforderungen der Gegenwart erkennen.

© Carl Hanser Verlag

weitere Titel des Autors

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Format
Hardcover
Seiten
304
Jahr
2017
Verlag
Carl Hanser
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