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Bernauer, Markus (Hrsg.): Der Roman des Freiherrn von Vieren Adelbert von Chamisso, E.T.A. Hoffmann, Karl Wilhelm Salice-Contessa, Friedrich de la Motte Fouqué

Artikelnummer: 978-3-943999-89-1

Ein literarisches Experiment der Romantik

Gewicht: 0.31 kg

Rezension:

Es war ein Experiment, wie es das zuvor und danach in der deutschen Literatur kaum jemals oder vielleicht wirklich nie gegeben hat: Vier begabte Autoren versuchten, gemeinsam einen Roman zu schreiben. Und es ist auch etwas dabei herausgekommen. Leider nur etwas, nicht etwa eine richtige, also wirklich abgeschlossene Geschichte. Aber der nie fertiggestellte „Roman des Freiherrn von Vieren“ deutet wenigstens an, wohin sich die Fabel hätte entwickeln können, wenn sich die vier verschiedenen Temperamente zu einer Zusammenfassung ihrer beträchtlichen Talente überredet hätten. Immerhin, zwei der Mitarbeiter ließen sich von dem Fragment zu größeren und allemal lesenswerten Erzählungen inspirieren, die den zweiten Teil dieser Ausgabe ausmachen.

Die begabten Autoren waren der Botaniker und Weltreisende Adelbert von Chamisso (1781 – 1838), ein gebürtiger Franzose und Autor von „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“, Karl Wilhelm Salice-Contessa (1777 – 1825), ein zu Unrecht vergessener Dichter, Friedrich de la Motte-Fouqué (1777 – 1843), erfolgreicher Verfasser von Ritterromanen und noch zusätzlich der bis heute populären Wassergeist-Geschichte „Undine“, und endlich der ganz und gar einzigartige E.T.A. Hoffmann, der schon bald diesem Dichterkreis in seiner Erzählsammlung „Die Serapionsbrüder“ ein Denkmal setzen sollte. Gemeinsam haben die vier Freunde versucht, einen Roman über die Doppelgänger-Thematik zu schreiben, leider aber ihr Projekt nie beendet. Jetzt wurde das Fragment ihrer Bemühungen nach 1926 und 1999 ein drittes Mal ediert, ergänzt mit je einer (nun aber abgeschlossenen!) Erzählung Salice-Contessas und E.T.A. Hoffmanns, die die Thematik des „Roman des Freiherrn von Vieren“ und seine Helden aufnehmen und die Schlingen lösen, die das Quartett leichtfertig geknotet hatte. Notwendige Erläuterungen zu den seltsamen Fremdwörtern und zahlreichen Zitaten sowie ein kenntnisreiches und informatives Nachwort des Herausgebers ergänzen den Band. Dazu kommen zehn schwarzweiße Illustrationen: Porträts der vier Autoren sowie Kupferstiche aus ihren Werken oder zeitgenössische Aufnahmen der Orte, an denen die Handlung spielt.
Unverständlicherweise hat sich der Herausgeber zu einer Übertragung des Textes in die reformierte Rechtschreibung entschlossen: Ein absolut überflüssiger, keinesfalls zu rechtfertigender Eingriff in den Text. Konsequent wäre es da gewesen, die eigenartige Zeichensetzung ebenfalls zu korrigieren, aber die hat man gelassen.

Mit der Wiedergabe der Plots der drei Werke wäre in einer Besprechung nicht viel gewonnen – einerseits sind sie ziemlich kompliziert oder sogar verworren, andererseits liegt der Reiz aller drei Arbeiten ganz woanders. Zunächst in dem schwungvollen, mal witzig-ironischen, mal pathetisch-dramatischen, immer aber kraftvollen und farbigen Stil, der die Lektüre zu einem reinen Vergnügen macht. Sodann in der Thematik des „Doppeltgängers“ (mit einem t in der Mitte), die erstmals in der Romantik aufkam und in zahlreichen Romanen und Erzählungen variiert wurde. Der Kunstmaler Georg Haberland, damit beginnen alle drei Erzählungen, sieht sich fortlaufend mit einem Doppeltgänger verwechselt – sogar ihre Handschrift ist dieselbe! –, und natürlich irritiert ihn das gewaltig und lässt ihn an seiner Identität zweifeln. Alles ist sehr geheimnisvoll, und die Verwicklungen scheinen ganz nach oben zu deuten, bis hin zum Fürstenhof… Der „Roman des Freiherrn von Vieren“ gelangt nicht mehr dahin, die zahlreichen Rätsel aufzulösen – das mussten Salice-Contessa und Hoffmann selbst erledigen. Und einfach kann das nicht gewesen sein. Salice-Contessa fand ein schlüssiges Ende, aber bei E.T.A. Hoffmann ist das Finale derart an den Haaren herbeigezogen, dass es kaum überzeugen kann. Dafür entschädigt das ungeheure Temperament, mit dem er seine Räuberpistole vorträgt, ergänzt mit sehr viel Witz. Seine Geschichte ist nicht allein äußerst unterhaltend, sondern zugleich vielschichtig und vieldeutig. Salice-Contessas Arbeit besitzt nicht ganz die Kraft und Geschmeidigkeit der Sprache und die Dichte der Anspielungen, weiß aber trotzdem zu überzeugen und ist in Stil und Thematik dieser Arbeit Hoffmanns, aber auch anderen seiner Erzählungen sehr ähnlich; wer Hoffmann mag, der wird auch Salice-Contessa mögen.

Man kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

»Der eine gab als Samenkorn, aus dem alles hervorschießen und hervorblühen sollte, den Sturz eines Dachdeckers vom Turme herab an, der den Hals bricht. In demselben Augenblick gebärt seine Frau vor Schreck drei Knaben. Das Schicksal dieser Drillinge, sich in Wuchs, Stellung, Gesicht u.s.w. völlig gleich, sollte im Roman verhandelt werden.« E. T. A. Hoffmann

Der »Roman des Freiherrn von Vieren« ist das Gemeinschaftswerk einer Dichtergruppe um E. T. A. Hoffmann, Adelbert von Chamisso, Karl Wilhelm Salice-Contessa und Friedrich de la Motte Fouqué. 1815 begonnen und Fragment geblieben, erzählt dieses amüsant-romantische Experiment die Geschichte des Malers Georg Haberland, der wie seine beiden Doppelgänger auf der Suche nach der idealen Mädchengestalt ist. Ein paar Jahre später veröffentlichte E. T. A. Hoffmann das von ihm zurückgezogene fünfte Kapitel des Viererromans als umgearbeitete eigenständige Erzählung »Die Doppeltgänger« und Karl Wilhelm Salice-Contessa seine Erzählung »Das Bild der Mutter«, die beide hier in ihrer ursprünglichen Fassung mit abgedruckt werden. Das Buch versammelt damit die Zeugnisse des Seraphinenordens, der nach seiner Neugründung 1818 als Serapions-Brüderschaft weltberühmt wurde.

© Ripperger & Kremers Verlag

weitere Titel des Herausgebers

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Leseprobe
Format
Klappenbroschur mit Fadenheftung
Seiten
226
Jahr
2016
Verlag
Ripperger & Kremers
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