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Jünger, Ernst: Krieg als inneres Erlebenis

Artikelnummer: 978-3-608-96101-0

Beschreibungen und Ansichten aus dem 1. Weltkrieg

Gewicht: 1.126 kg

Rezension:

Vielleicht ist kein deutscher Autor des 20. Jahrhunderts umstrittener als Ernst Jünger. Ein wesentlicher Grund für die Ablehnung durch große Teile der Leserschaft sind seine Bücher über den Ersten Weltkrieg, die jetzt, mit Ausnahme des wichtigsten, in einem einzigen Band erscheinen, sorgfältig ediert und kommentiert und mit einigen Materialien ergänzt. Hier also besteht die Möglichkeit, einen wichtigen und umstrittenen Autor von Grund auf kennenzulernen und zu überprüfen, inwieweit die vielfache Überarbeitung seiner Schriften durch ihn selbst sein Bild in der Öffentlichkeit vielleicht verstellt hat.

H„Krieg als inneres Erlebnis“ enthält drei Bücher, die der noch sehr junge Ernst Jünger Mitte der zwanziger Jahre veröffentlichte. In „Der Kampf als inneres Erlebnis“ (Herbst 1924) behandelt der Autor das Geschehen an der Front zusammenfassend unter Stichwörtern wie „Angst“, „Eros“ oder „Graben“ und schreibt meist eher unpersönlich („man“, „der Frontsoldat“), wenngleich er gelegentlich auf die erste Person Singular oder Plural zurückgreift, um den Eindruck auf den Leser zu vergrößern. „Das Wäldchen 125“ erzählt in einem weniger dramatischen und pathetischen, sondern eher behäbig-erklärenden Stil eine ausgewählte Episode aus dem Sommer 1918, also in Jüngers eigenen Worten „einen ganz kleinen Ausschnitt“ der Grabenkämpfe, und in ganz ähnlicher Weise geschieht das auch in „Feuer und Blut“ (1925), obwohl das Geschehen hier auf nicht mehr als drei Tage dramatisch zusammengezogen ist. Auch hier geht es ihm darum, „eine ganz bestimmte geistige Haltung“ darzustellen.

Es wäre sehr überheblich, derart umstrittene Bücher in einer kurzen Besprechung, also quasi im Vorübergehen, zu bewerten; vorgestellt werden soll vielmehr nur die Arbeit der Herausgeber, die vor zwei Jahren bereits das wichtigste und umstrittenste der Jüngerschen Werke über den 1. Weltkrieg ediert haben. „In Stahlgewittern“ erschien 2014 in einer mustergültigen zweibändigen Ausgabe und im selben Jahr konnte man auch erstmals Jüngers Kriegstagebücher von 1914 – 1918 lesen und selbst überprüfen, ob und, wenn ja, wie viel Pose und Stilisierung das berühmte Buch enthält. Jetzt haben Helmuth Kiesel und Friedrike Tebben die drei anderen Weltkriegsbücher in einem dicken Band so zusammengefasst, dass die Editionsgeschichte leicht zu erkennen ist. Das ist bei diesen von Jünger immer neu bearbeiteten, gekürzten und ergänzten, also im Laufe der Jahre gänzlich verwandelten Schriften, von einer nur schwer zu überschätzenden Bedeutung. Immer wieder wurde ihm vorgeworfen, er habe seine Verherrlichung des Krieges oder eine Nähe zum Nationalsozialismus und damit seinen Anteil an den Vorgängen seit Mitte der Zwanziger Jahre verschleiern oder beschönigen wollen, und jetzt kann jeder ganz leicht überprüfen, ob diese Vorwürfe zu Recht bestehen, in welchen Punkten sich also die ersten Auflagen von den späteren unterscheiden. Immerhin hat Ernst Jünger nicht allein bereits in den zwanziger Jahren, sondern auch noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg Änderungen vorgenommen.

Die Herausgeber haben sich für den Abdruck der Erstausgaben entschieden, und es sind dann zwei Methoden, mit denen sie den Leser mit den Varianten vertraut machen. Einmal weisen Sternchen auf Veränderungen hin, die im Anhang vorgestellt werden – meistens wurden Wörter durch andere ersetzt –, sodann sind die Textteile, die der Autor später gestrichen hat, grau wiedergegeben. Auf diese Weise ist die Textgeschichte bequem und ohne allzu vieles Blättern abzulesen – das ist der ganz große Vorzug eines solchen Vorgehens. Die Masse des Gestrichenen ist übrigens erheblich – manchmal sind es nur einzelne Wörter, aber oft sind ganze Absätze, manchmal sogar seitenlange Passagen dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Der Band besitzt ein 22 Seiten langes Vorwort, in dem mit Helmuth Kiesel der vielleicht beste Jünger-Kenner unserer Zeit die Schriften vorstellt, in das Jüngersche Gesamtwerk wie in die Zeit einordnet und dem Leser sein Vorgehen erläutert. Der umfangreiche Anhang – fast zweihundert Seiten – enthält die Varianten und weitere Hinweise auf die Textgeschichte, auf 48 Seiten den Text einer ganzen Reihe von Rezensionen, seinerzeit veröffentlicht an teils sehr abgelegener Stelle, Abbildungen der verschiedenen Ausgaben, Porträts (Fotografie, Zeichnung oder Ölbild) von Ernst Jünger, Skizzen der Schlachtfelder, eine Auswahl der Forschungsliteratur und noch anderes mehr. Kurz, es ist eine schöne und empfehlenswerte Edition zu einem vertretbaren Preis.

Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

»Die Fastnacht der Hölle durchtobt die Welt.«

Im Schützengraben schien der Erste Weltkrieg für Ernst Jünger vor allem ein Abenteuer – im Rückblick eine »unvergleichliche Schule« des Lebens. Erstmals werden in diesem Band seine kleineren Schriften zu den Kriegsjahren wie »Das Wäldchen 125« und »Feuer und Blut« versammelt, kritisch ediert und kommentiert.

Ergänzend zum »Kriegstagebuch 1914–1918« und der historisch-kritischen Ausgabe der »Stahlgewitter« vereint »Krieg als inneres Erlebnis« Jüngers wichtigste autobiographische Schriften und Aufsätze zum Ersten Weltkrieg, die für das Verständnis des »Dichtersoldaten« relevant sind. Der Erste Weltkrieg wird für Jünger dabei zu einem Paradigma der Moderne schlechthin, ihrer Spaltung in mehrere weltanschauliche Lager und einer ungekannten Aggressivität. Diese Position unterzieht er in späteren Reflexionen wie seiner Ansprache zu Verdun einer Überprüfung. Helmuth Kiesel schafft mit seiner editorischen Aufbereitung sowie sorgfältigen Kommentierung die Grundlagen für eine Beurteilung von Autor und Werk.

© Klett Cotta

weitere Titel des Autors

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Format
gebunden
Seiten
693
Jahr
2016
Verlag
Klett-Cotta
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