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Jünger, Ernst: Auf den Marmorklippen

Artikelnummer: 978-3-608-96065-5

Eine fiktive Familiengeschichte in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs

Rezension:

Es ist vielleicht das seltsamste Buch, das während des 3. Reiches in Deutschland erscheinen durfte, und schon deshalb genießt Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“ bis heute einen fast legendären Ruf. Die Zeitgenossen lasen es als ein Zeugnis des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, den Plot aber als die in ein seltsames Traumland übersetzte Geschichte von Ernst und Friedrich-Georg Jünger, die in den Jahren vor dem Krieg am nördlichen Ufer des Bodensees wohnten. Im 1. Weltkrieg vielfach verwundet und hoch dekoriert, verbrachten die Brüder das anschließende Jahrzehnt als antidemokratische Schriftsteller und Lebenskünstler. In poetischen Wendungen idealisiert das Buch ihr Leben am Bodensee, der „Großen Marina“, wo sie sich mit der Beschreibung und Klassifizierung von Pflanzen beschäftigen. Das einzige Vergnügen, so scheint es, ist neben der Botanik der Weingenuss bis zur Trunkenheit. Aber das idyllische Leben nimmt ein Ende, als der „Oberförster“ nach der Macht greift, und der zweite Teil des Buches schildert, wie der Frieden einer reichen Landschaft dem Terror weichen muss. Schließlich geht der Ich-Erzähler mit einigen seiner Freunde in den Wald und findet im Dickicht eine Scheune, wo Menschen in fürchterlichster Weise gequält, geschunden und ermordet werden.

Man könnte besonders diese Szenen naiv finden, denn der Terror des 3. Reiches besaß ebenso ein anderes Gesicht wie der „Oberförster“, dem der Erzähler eine „fürchterliche Jovialität“ attestiert – Jovialität konnten bei Hitler wohl nicht einmal seine Anhänger entdecken. Jünger schildert den Krieg gegen den Oberförster als ein Geschehen, das mit der Realität nichts gemein hatte, denn die Welt um die Große Marina herum sieht aus, wie sie niemals ausgesehen hat. Noch immer wird zu Pferde mit dem Degen gekämpft, Hundekoppeln werden aufeinander gehetzt, es gibt kein Telefon, kein Radio, keine Autos und keine Zeitungen. Zu den Stilmitteln dieses kleinen Romans gehört es, dass er eine ganz unwirkliche, mit zahllosen Anachronismen durchsetzte Landschaft in einer sehr gewählten, oft sogar feierlich-kostbaren Sprache schildert. Schon der Anfang ist in diesem hohen Ton gehalten: „Ihr kennt alle die wilde Schwermut…“ Dieser hohe Ton ist durchaus Absicht – künstlerische Absicht, aber auch politische Stellungsnahme, denn der Autor will sich damit von dem als vulgär empfundenem Nationalsozialismus absetzen. Und auch sonst ist dieser Autor ja für seine Manierismen bekannt, zum Beispiel für sein sentenziöses Sprechen: „Tief ist der Haß, der in den niederen Herzen dem Schönen gegenüber brennt.“ Jünger liebt den Genetiv, den korrekten Dativ (mit einem „e“ am Ende), gebraucht zu gern veraltete Wörter – zum Beispiel „deß“ – und erfreut sich und den Leser immer wieder mit den poetischen Namen von Pflanzen. Oder er spricht – man schaue oben auf den Beginn des Romans – den Leser direkt an. Auf diese Weise entsteht eine ganz eigene, sehr intensive Stimmung, die vielleicht nicht jeden, wohl aber die meisten gefangennimmt.

Wenn „Bruder Otho“ (das ist im Roman der Name Friedrich Georg Jüngers) anderen Menschen begegnet, dann nennt er sie „Optimaten, um anzudeuten, daß alle zum eingeborenen Adel dieser Welt zu zählen sind und daß ein jeder von ihnen uns das Höchste spenden kann.“ Ein solcher Satz ist wohl gar nicht anders zu lesen denn als klares Statement gegen den Nationalsozialismus, und wegen ihm, aber auch wegen zahlreicher anderer Momente ist es wirklich eigenartig, dass dieses Buch erscheinen konnte, ohne dass der Autor größere Probleme bekam. Das hatte er sicherlich seiner Prominenz als deutsch-nationaler Autor, dazu seiner Position als Offizier und endlich auch dem frechen Kalkül zu danken, dass das Regime sich selbst bloßgestellt hätte, hätte es die Schilderungen des Romans auf sich bezogen.

Das Taschenbuch bietet den unkommentierten Text des kurzen Romans, ergänzt lediglich durch die „Adnoten“ überschriebenen Bemerkungen Ernst Jüngers von 1972. Wer das Buch noch nicht kennt, sollte es baldmöglichst lesen; entweder in dieser schlichten Ausgabe oder, wenn man mehr verstehen, aber auch etwas mehr investieren will, in der sehr schönen, kommentierten und mit zahlreichen Zusätzen versehenen gebundenen Ausgabe im selben Verlag. Empfehlenswert ist es allemal; mehr noch, für jeden an Literatur ernsthaft Interessierten ist es eine Pflichtlektüre.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Für Dolf Sternberger waren die Marmorklippen »das kühnste Erzeugnis der Schönen Literatur, das während der Zeit des Dritten Reichs in Deutschland ans Licht getreten ist«.

»[...] es ist das Renommierbuch der 12 Jahre«, konstatierte Thomas Mann – und gleichzeitig sind die »Marmorklippen« das Problembuch der nationalsozialistischen Zeit.

»Auf den Marmorklippen« aus dem Jahr 1939 galt lange als ethisches und ästhetisches Problembuch im Werk Ernst Jüngers und wurde zugleich vielfach als Parabel auf den Nationalsozialismus verstanden. Nicht nur Jünger selbst schrieb ihm nachträglich eine darüber hinausreichende geschichtsphilosophische Erklärungsmacht zu.

©Klett Cotta

weitere Titel des Autors

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Format
broschiert
Seiten
113
Jahr
2018
Verlag
Klett-Cotta
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